Heimat die ich meine….

Seit einiger Zeit denke ich über den in letzter Zeit arg strapazierten Begriff „Heimat“ nach. Und während ich das mache und hier darüber schreibe, habe ich arabische Musik im Player, die ich sehr mag. Was ist denn Heimat, für mich, und warum wird um diesen Begriff so ein Gedöns veranstaltet? Vor allem bei denen, die diesen Blut-Boden-Heimat-Ehre-Kult betreiben?

Zuallererst einmal: Meine Mutter wurde am 13. August in Frankfurt/Oder geboren. Hätte sie sich nicht dafür entschieden, ihren Geburtstag in Berlin zu feiern, und zwar in einem Teil der Stadt, der in dieser Nacht urplötzlich dann West-Berlin hieß, wäre ich heute ein „Ossi“ und kein „Wessi“. Sicher wäre mein Leben dann ganz anders verlaufen, aber darum geht es gar nicht. Es war Zufall. Ganz und gar Zufall. Ich hatte mal einen Arbeitskollegen, der wurde in einem Flugzeug geboren – über Papua-Neuguinea. War es mein Verdienst, im Westen geboren worden zu sein? Nein, es war ganz einfach Zufall. Wie kann ich also so stolz auf ein Stück Land sein, auf dem ich mehr oder weniger aus Versehen aufschlug? Den Gedankengang kann man jetzt beliebig ausweiten auf Deutschland, Europa, etc. Im Pass meines Arbeitskollegen stand tatsächlich Papua-Neuguinea drin, weil er in diesem Luftraum geboren wurde. Das Land hat er nie betreten. Worauf hätte er „Nationalstolz“ aufbauen sollen? Reihe 5, Economy Class, Fensterplatz? Beinahe jedes moderne Land dieser Welt gründet heute darauf, die ursprünglichen Bewohner in blutigen Kriegen entweder vertrieben oder gleich ganz ausgerottet zu haben. Vermutlich reichen solche Überlegungen schon völlig aus, mich bei einigen Kameraden unter „Volksfahrräder“ einzusortieren. Ja, na und?
Ich habe einiges von dieser Welt gesehen, von Afrika bis Skandinavien, und ich spreche mehrere Sprachen. Nicht alle perfekt, aber so, daß ich rumkomme. Und wenn man die Sprache eines Landes lernt, lernt man immer auch die dazugehörige Kultur. Beides gehört zusammen, es sind nicht nur Worte, die einen Satz bilden. Man kann Jahre an einem Ort zubringen, ohne sich jemals heimisch zu fühlen. Und andersrum kann man irgendwo aufschlagen und ist sofort „zu Hause“. Das ist ein vollkommen subjektives Gefühl.
In gewisser Weise kann ich das in früheren Zeiten verstehen, in denen die Vereinnahmung und Verteidigung von Land gleichbedeutend war mit dem Überleben des Stammes. Derjenige, an dessen Platz die Quelle entsprang, hatte nun mal die besseren Karten. Aber heutzutage? Heute hat jeder seine privaten Quellen in Küche und Bad, nennt sich Wasserhahn. Woher kommt diese Arroganz, seinen Stolz auf etwas, wofür man selbst keinen Finger gerührt hat, für besser und wichtiger zu halten, als den anderer Leute? Und das geht ja durch Generationen. Der aberwitzige Ausspruch eines rückwärtsgewandten Herren mit Dackelkrawatte zum Beispiel, wieder stolz auf die „Leistungen“ der Soldaten zweier Weltkriege zu sein. Warum sollte ICH darauf stolz sein? War es meine „Leistung“ (Gott sei Dank nicht!!!)? Es war nicht mal mehr seine! Menschen können mit ihren Gedanken, ihren Worten, ihren Händen wundervolle Dinge schaffen. Die Alhambra, die Neunte Symphonie, die Mona Lisa, den Kleinen Prinzen, einen Bären oder Machinima – aber nein, wir sollen darauf stolz sein, das Menschen auf übelste, brutalste Weise andere Menschen abgeschlachtet haben. Mit den Händen, die stattdessen vielleicht einen „David“ hätten schaffen können. Oder einen bequemen Rollstuhl. Oder, oder, oder….
Heimat kann überall sein, wo man sich wohlfühlt. Wo es nette, aufgeschlossene, gastfreundliche Menschen gibt. Stolz kann man auf Dinge sein, die man geschafft hat. Egal, wie klein oder groß sie sind und, vollkommen egal WO man sie geschafft hat. Diese Pseudonutzung des Wortes Heimat kommt mir immer mehr so vor, als nutzten ihn nur Menschen, die sich nirgends wohlfühlen. Nicht mal in sich selbst.

Installation von ChapTer Kronfeld 2012

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Nachklapp zum #SepteMeer

Das #bingecreating-Projekt ist für dieses Jahr vorbei und ich habe fulminant abgelost – also böse geschwächelt auf gut neudeutsch. Dabei hatte ich mich riesig drauf gefreut, als Kiki das Motto rausgab: #SepteMeer! Einen Monat lang täglich etwas zum Thema Meer machen: Malen, schreiben, fotografieren, basteln… Für mich war klar, ich will malen! Fotos nur in Ausnahmefällen, also wenn ich das Vakuum im Hirn habe oder gar keine Zeit. Letzteres brach mir dann auch das Genick beim durchhalten….

Ich habe mich bewußt für „malen“ entschieden, obwohl ich ja immer noch glaube, das nicht wirklich zu können. Aber es macht Spaß und ich habe bereits im letzten Jahr festgestellt, besonders gut gefällt mir das auf dem IPäd mit der ProCreate-App. Für eine Hobbypinselschwingerin ist es eine gute Möglichkeit, ganz verschiedene Stile auszuprobieren, ohne ein Vermögen für Tusche, Ölfarben, Aquarellfarben, Stifte, Kreide, Pinsel und diverse Papiere auszugeben. Natürlich ist es ein gänzlich anderes Handgefühl, als tatsächlich auf Papier zu malen, aber was soll´s?
Ein anderes Problem ist es, ähnlich wie bei den Katzen im #Catember, jeden Tag ein Motiv zu finden. Nach dem 3. Leuchtturm hat man irgendwie ein schlechtes Gewissen. Und dann holte mich die Realität in massivem Zeitmangel ein. Leser meines Blogs haben es sicher mitbekommen, da steht ein ganz reales Theaterprojekt an und fordert sehr viel Aufmerksamkeit. Das war dann der Moment, mich zu entscheiden: entweder aussteigen oder jeden Tag einfach ein Foto posten und gut. Das wollte ich aber nicht, ich finde, es gab sowieso schon viel zu viele Fotos. Viele davon richtig toll, ohne Zweifel, aber ich glaube, so war das nicht gedacht. Es geht ja darum, jeden Tag etwas aktiv zu gestalten und nicht, nur Bilder vom 5 Jahre alten Sylturlaub reinzusetzen. Also hab ich mich schweren Herzens aus dem #SepteMeer verabschiedet. Meine Lieblingsbilder, von denen ich glaube, sie sind ganz gut gelungen, zeige ich euch aber trotzdem hier.

Blue Port

Kleines Boot am Meer

Findelkraken

Solitaire – Erotische Fotografie in Second Life


Erotik und Kunst sind schon immer Hand in Hand gegangen. Sei es in der Malerei, Skulptur, Musik oder Fotografie. Klassisch oder auch digitalisiert. Im Rahmen des „Festival of Culture 2017 SL Amsterdam“ startete heute die Ausstellung „Art and Aesthetics of Erotic“ in der ich mit einigen Bildern ebenfalls vertreten bin.
Als Lyrikerin ist die Erotik ohnehin ein wichtiges Thema für mich, aber gerade in der fotografischen Darstellung in der virtuellen Welt von Second Life reizte mich das Thema besonders, weil es immer wieder heißt, Avatare könnten kaum Emotion transportieren. Mit meinen Bildern möchte ich einerseits zeigen, daß das durchaus möglich ist und andererseits ein Thema angreifen, das noch immer mit einem Tabu behaftet ist: Der Selbstliebe. Sie wird bestenfalls als Ersatz toleriert, wenn man halt keinen Partner hat und stiefmütterlich-verschämt behandelt. Selten als das, was sie auch sein kann und sollte: Selbstzweck. Eine Möglichkeit, sich selbst kennen zu lernen, sich auszuloten, sehr phantasie- und lustvoll. Hier kann ich aus verständlichen Gründen nur einige der „braven“ Bilder zeigen. Wer mehr sehen möchte, hat dazu noch bis zum 05.10. die Gelegenheit und zwar hier: http://maps.secondlife.com/secondlife/Amsterdam%202/201/159/25

Nachtgarten

Ich beschreite den Garten
in der Nacht,
schwer die Luft, voll Süße,
wie eine Erinnerung
an Dich.

Du besuchst mich
im Garten,
umfängst mich, hältst mich,
drehst mich und
biegst mich
und wir fallen
lachend ins Gras.

Wir rollen herum
wie Kinder
und Deine Augen sind
wie die Sterne
über mir, die
mitten in meine Seele
fallen.

Ich halte Dich
in meinen Armen,
bedecke Dein Gesicht
mit Küssen,
wünschte mir
die Zeit aus Glas.

Aber sie zerfliesst,
rinnt mir durch die Finger,
so wie Du.
Verweht wie
Morgennebel
und ich
liege im Nachtgarten
meines Herzens
allein.

© Regina Neumann

Kleines Theater-Update: Spielplan Dezember 2017

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Kleines Update zum Theaterprojekt: Ab heute steh ich, bzw. WIR, offiziell auf dem Spielplan des „Theater am Olgaeck“! Das ist so verdammt aufregend! Ich meine, bisher hab ich im Hintergrund rumgewerkelt: geschrieben, gebastelt, virtuelles Theater und Schauspieler angeworben. Das ist zwar auch völlig real, nur eben in einer anderen Wirklichkeit, aber jetzt wird es sichtbar. Für alle! Im ganz realen Stuttgart. Das ist toll und ich freue mich wahnsinnig! Auf die Arbeit, die in den nächsten zwei Monaten vor uns liegt, und auf die Premiere sowie auf ein tolles Publikum aus BEIDEN Welten: Am 12.12. um 20.00 Uhr hier:

Anti-AfD-Demo in Northeim

Da muß es erst eine AfD in Deutschland geben, damit ich im zarten Alter von nunmehr 52 Jahren zur ersten politischen Demo meines Lebens gehe. Aber ich kann doch nicht zum Beispiel auf FB und in meinen Artikeln ständig gegen dieses braune „Volk“ anschreiben und dann kommt ausgerechnet Björn (ja, ich weiiiiiß, er heißt Bernd 😉 ) Höcke nach Northeim! Da kann ich doch nicht zu Hause auf meinem Hintern sitzen bleiben! Vor allem, wo Northeim seit Jahren versucht, diese Pest loszuwerden und sogar versucht hat, die Satzung der Stadthalle zu ändern, um derlei Versammlungen zu verhindern.
Also dem Aufruf gefolgt und bei schönstem Wetter nach Northeim gefahren. Ich habe ja einige Reden Höckes auf Video gesehen und der Typ hat mich bis ins Mark erschreckt. Er klang tatsächlich wie Goebbels darin und ich empfand diesen kreischenden, sich überschlagenden Fanatismus immer als gefährlich. All die anderen Hanseln ja eher als dumm und lächerlich. Höckes völkische Ansichten sind zwar auch reichlich dumm und von vorgestern, aber seine Art, sie rüberzubringen, ist es nicht. Und ich war neugierig. Was für Menschen gehen da hin, um sich das anzuhören? Und wer demonstriert dagegen?


Die Polizeipräsenz war dem Anlass angemessen. Ich war noch nie so nah zwischen Polizisten in voller Kampfmontur und die sind – beeindruckend. Allerdings war alles friedlich und die waren durchaus auch beinahe nett. Der Platz war gut gewählt, denn er ist mit kleinen Mäuerchen umgeben, die automatisch schon eine Umgrenzung bilden. Da mich der Weg bis da hin schon übel geschafft hatte, hab ich mich auf so ein Mäuerchen gesetzt. Prompt kam ein Ordnungshüter und meinte, ich könnte ja mein Demonstrationsrecht auch hinter der Mauer stehend ausüben. Ich hielt ihm meinen Schwerbehindertenausweis unter die Nase und erklärte, daß das leider nicht möglich wäre, tut mir leid – und ich durfte sitzen bleiben. Bitte, geht doch. Leute, die sich auf die Mauer stellten, haben sie zwar runtergescheucht aber sitzen war dann okay.

Was mir auffiel, die Afd-Ordner liefen tatsächlich am inneren Ring entlang und haben uns Demonstranten fotografiert. Gut, die bekamen einen freundlichen Mittelfinger und ich fotografierte dann zurück, wie viele andere auch. Gefiel ihnen nicht so…
Was ich von den AfD-Zuhörern gesehen habe, war in gewisser Weise schockierend. Es waren fast nur alte Leute, viele in Trachtenklamotten. Und wenn ich „alt“ sage, meine ich eine Generation, die den letzten Krieg zumindest als Kinder noch erlebt hatten, also Menschen, die es besser wissen müssten! Die Demonstrantenseite war bunt gemischt, quer durch alle Altersgruppen und Schichten war alles vertreten. Und wir waren laut, SEHR laut! Der einzige der AfD-Redner, der zumindest versucht hat, uns zu beleidigen, war Andreas Kalbitz. Höcke selbst schwang zwar die üblichen Hetzreden, eskalierte allerdings nicht in bewährter Manier. Vermutlich hat ihm Papa Gauleiter einen Maulkorb verpasst… Interessant war, daß er anfing, gegen Politikwissenschaftler zu wettern, gegen die EU, klar, und rumtönte, das Militär müsse finanziell aufgepolstert werden. Schon den nächsten Krieg vorbereiten, ne? Im Übrigen wolle „das Volk“ (welches?) keine weiteren Moslems und überhaupt, die Milliardenmillionen Flüchtlinge…. Blablablasülz…..Ich hörte übrigens keinen Applaus. Kann allerdings daran gelegen haben, daß unsere Trillerpfeifen so laut waren.
Gefreut hat mich sehr, daß viele Kapitän Schwandt auf meinem Shirt erkannt haben und mich auch viele danach fragten, wer das ist. Da habe ich doch sehr gern Auskunft erteilt!
Mein Fazit ist: es ist eine Sache, auf FB und in Artikeln gegen die Neuen Nazis zu schreiben, aber die andere Sache ist, es ist gut zu sehen, wie viele Menschen auch dagegen auf die Strasse gehen, laut sind und ihre Meinung vertreten. Ich hoffe, sie tun das am Sonntag auch alle in der Wahlkabine!

Bunt und laut!

Regenbogenflagge gegen Blau-Braun

Nee, die Frau gehört mit mindesten vier Kindern hintern Herd. Auch nicht verhandelbar!

Neuigkeiten zum Theaterprojekt – Regina goes virtual real ;)

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In den letzten Monaten hat es eine Menge Arbeit hinter den Kulissen gegeben und das wird auch in den nächsten Wochen noch so weitergehen, aber heute darf ich endlich offiziell verraten, was es mit dem Theaterprojekt auf sich hat und vor allem, wo es aufgeführt wird und wann.

Das Märchen „Die weisse Schlange“ ist im Japan der Heian-Zeit angesiedelt, dem Goldenen Zeitalter, der Blütezeit der Literatur, Kunst und Kultur. In diese Periode fällt zum Beispiel die Veröffentlichung des berühmten „Genji Monogatari“, welcher als erster psychologischer Roman der Literaturgeschichte gilt, im Jahre 1008. „Die weiße Schlange“ enthält Elemente des klassischen Märchens, der Fabel und auch Anklänge an den Shintoismus. Die Tochter eines Landadeligen soll den Sohn des Präfekten heiraten. Beide haben sich noch nie gesehen, die Ehe ist arrangiert. Plötzlich taucht im Brautgemach eine Schlange auf und zwingt der jungen Braut eine schwere Prüfung auf. Es wird ihr nicht erklärt, was geschehen wird, wenn sie versagt, aber auch nicht, wenn sie besteht. Es wird ihr keine Wahl gelassen. Mehr werde ich hier jetzt natürlich zum Inhalt auch nicht verraten 😉 .

Das klingt ja zunächst mal nicht sehr aufregend. Ein Märchen wird im Theater aufgeführt. Und doch ist es eine absolute Weltpremiere, weil es multimedial sein wird! Es wird nämlich zeitgleich in zwei Theatern aufgeführt. Und zwar befinden sich alle Schauspieler in Echtzeit live im japanischen Kaburenjo in Second Life und spielen dort vor einem internationalen Publikum. Diese Liveperformance wird, ebenso in Echtzeit, ins „Theater am Olgaeck“ in Stuttgart übertragen. Und dort befindet sich ganz real einer der Second Life-Akteure in Person auf der Bühne. Er ist also quasi zweimal anwesend und bildet so das Bindeglied zwischen virtuellem und realem Theater. So wird es auch möglich sein, daß die Schauspieler im Anschluß mit dem realen Publikum interagieren können und absolut deutlich wird, das Publikum sieht auf der Leinwand keine Aufzeichnung oder etwa einen Film. Ich weiß, das klingt jetzt erstmal alles etwas sehr kompliziert, ist es aber eigentlich nicht. Es ist experimentell und der Versuch, zwei Welten kreativ zu verbinden. Als Autorin und Virtual Artist bewege ich mich seit Jahren in beiden Welten und was liegt da näher, als sie einmal zusammen zu bringen und zu zeigen, was alles möglich ist? In Zeiten von Hatespeech, Fakenews, Cybermobbing und was es dergleichen noch mehr gibt, zu zeigen, man kann auch anderes mit dem Internet machen. Kultur schaffen, Kunst, Freude.
Seht es Euch einfach mal an. Auf dieser wunderschönen Sim steht das Theater, in dem wir in Second Life spielen werden: https://www.youtube.com/watch?v=J1VcY_OcomI

Und real sind wir hier: http://www.theateramolgaeck.de/ und zwar am 12.12. 2017 um 20.00 Uhr
Dazu gibt es natürlich zeitnah noch mehr Informationen.

Eine nachhaltig prägende Begegnung mit Kapitän Schwandt

Genau heute vor einem Jahr hatte ich das Privileg, einen sehr beeindruckenden Menschen persönlich kennen zu lernen: Kapitän Schwandt. Eine Begegnung, die mich nachhaltig geprägt hat und die das wohl auch für den Rest meines Lebens tun wird. Leider war es der letzte öffentliche Auftritt, bevor er sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen musste. Und gerade in diesen Tagen, kurz vor einer Bundestagswahl, die das Gesicht Deutschlands erneut mit einer sehr häßlichen Fratze verunstalten könnte, der Fratze des Nationalsozialismus, merke ich, wie schmerzlich er fehlt. Mir ganz persönlich. Seine Klare Kante, seine auf den Punkt treffende Sicht der Dinge, die hier schieflaufen. Ich bin sehr froh, daß er eine sehr große Gruppe von Menschen zusammenbringen konnte, die seine Ansichten weitertragen, dafür einstehen und auch laut sind. Denn ganz ehrlich, ich habe ein wenig Angst davor, in was für einem Deutschland ich am 25.09.2017 aufwachen werde.

Persönlich habe ich einen klugen, bedachtsamen Menschen kennengelernt. Einen sehr warmherzigen, empathischen Mann mit einem wunderbar trockenen Humor und, auch wenn manche eher den grummeligen Alten in ihm sahen, einen wahren Humanisten. Diese Begegnung hat mir sehr viel Kraft gegeben und sie wirkt heute noch, ein Jahr später, in mir nach. Ich habe selten einen Menschen getroffen, der eine solche Ausstrahlung und Power besitzt, wie dieser alte Kapitän. Auch wenn er sich nicht mehr, oder nur in Ausnahmefällen, auf Facebook zu Wort meldet, vergessen wird er nicht. Nicht nach einem, nicht nach fünf oder zehn Jahren. Ein Jahr ist schnell vorbei und vieles passiert in zwölf Monaten, aber das ich das Glück hatte, ihn kennenlernen zu dürfen, ist mir diesen kleinen Artikel mehr als wert.

Literatur, Toleranz und nochmal Gomringer

Die literarische Netzgemeinde hat es ja vermutlich mitbekommen: Die Streiterei um das wunderbare Gedicht „avenidas y flores“ von Eugen Gomringer. Kurze Zusammenfassung für alle anderen:
Ein Dichter schreibt ein Gedicht (in den frühen Fünfziger Jahren), das machen Dichter so, sie dichten. Im Jahr 2011 bekommt dieser Dichter den Poetikpreis einer Hochschule und stiftet „avenidas y flores“ als Dankeschön. Seitdem ziert es die Fassade eben jener Hochschule. Im Jahr 2017 nun entbrennt ein Streit darum, ob dieses Gedicht sexistisch und frauenfeindlich ist. Seitdem wird das nun diskutiert. Nora Gomringer, Tochter des Dichters, hat in einem wunderbaren Video sehr pointiert darauf geantwortet, mit einer eleganten Lehrstunde zum Thema „Konkrete Poesie“. Das findet man leicht auf ihrerFacebookseite .

Mich beschäftigt das Thema seitdem auch, natürlich. Als Lyrikerin und auch als Frau. Ich sag es gleich vorweg, vermutlich werde ich mir mit diesem Artikel keine Freundinnen machen.
Mir geht diese aggressive Gleichmacherei der Sprache so dermassen auf die Nerven! Ich hab eine Neuigkeit: es gibt MÄNNER auf dieser Welt und das ist gut so! Ja, manche sind Schweine, auch richtig, aber glaubt ihr wirklich, alle Frauen sind Engel?! Und glaubt ihr wirklich, ihr ändert irgendetwas, wenn ihr alles männliche aus der Sprache eliminiert und neutralisiert? Das ist auch eine Form von Unterdrückung, schon mal darüber nachgedacht?
Sprache ist in erster Linie mal ein Mittel der Kommunikation. Der kleinste gemeinsame Nenner, damit man einander überhaupt verstehen kann. Natürlich entwickelt sie sich, verändert sich, erweitert sich, Worte verschwinden und es kommen neue dazu, sehr spannend alles. Wenn wir aber anfangen, auf jede kleinste Befindlichkeit einzelner Gruppen Rücksicht zu nehmen, enden wir in Babylon. Weil sich dann jede Gruppe nur noch im eigenen Sprachraum bewegt und die anderen nicht mehr versteht. Und das ist eindeutig ein Rückschritt. Ich glaube kaum, daß Herr Gomringer damals, als er sein Gedicht schrieb, darüber nachdachte, daß es über 60 Jahre später irgendwelche Befindlichkeiten verletzen könnte. Was er bestimmt nie beabsichtigt hat.

Als Lyrikerin hasse ich nichts mehr, als meine Gedichte erklären zu müssen. Die schlimmste Frage nach einer Lesung lautet: „Wie ist das gemeint?“ Für einen Menschen, der mit Sprache „arbeitet“, ist sie mehr als bloße Kommunikation. Sie ist Spielplatz, Leinwand, Notenblatt, manchmal auch Schlachtfeld. Man kann ein Gedicht natürlich zerpflücken, auseinandernehmen und sezieren. Jeden Text. Man riskiert dabei zwar, daß er seinen Zauber verliert, aber vielleicht ist das manchmal gerade nötig. Im Nachhinein. So zweihundert Jahre später. Aber zu Lebzeiten des Autors? Ich würde ausrasten, wenn man mich bitten würde, ein Gedicht zu ÄNDERN, eine Zeile anzufügen oder etwas zu streichen. Muß ich heute schon, wenn ich zum Beispiel ein Gedicht über eine rauschende Liebesnacht verfasse, in dem ich meinen Geliebten geradezu anbete, davor Angst haben, in zehn Jahren dafür auf dem Scheiterhaufen des Feminismus zu stehen? Und das Gedicht dann besser gar nicht erst schreiben? Aber bestimmt nicht! Das wäre ja vorgedachte Zensur.
Noch viel schlimmer trifft dieser Sprachbegradigungswahn ja bereits verstorbene Autoren. Dazu zähle ich auch visuelle Anpassungen. Man denke nur an die schwachsinnige Debatte, den Pumukl schlanker zu zeichnen, weil dick… nääää, geht gar nich. Lindgrens Pippi redet von einem Negerkönig? Geht nicht, muß weg. Onkel Toms Hütte? Am besten gleich ganz einstampfen…. Ja um Himmels Willen, seid ihr noch bei Trost?! Ich empfehle ganz dringend etwas, das in diesen Tagen sowieso in aller Munde ist: ein wenig Toleranz.

Die Katze ist aus dem Sack: Regina goes Theater!

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Eine ganze Weile war es ruhig auf dem Blog, weil ich beschlossen hatte, nur noch etwas zu veröffentlichen, wenn mich etwas bewegt, freut oder ärgert und diese Monatsrückblicke stillschweigend einzustellen. Nach drei oder vier Jahren empfand ich sie nur noch als lästige Pflicht und das hat man sicher auch gemerkt.

Aber natürlich heisst das nicht, ich wäre untätig gewesen oder hätte nichts erlebt, im Gegenteil! Vor einiger Zeit schrieb ich ein japanisches Märchen und aus irgendeinem Grund blieb es lange in der Schublade, es gab nur einmal eine Lesung in Second Life. Aber nun – TUSCH! – wird es aufgeführt! Und zwar in Second Life UND einem ganz realen Stuttgarter Theater! Wenn alles klappt, soll die Premiere im Dezember sein, das genaue Wie und natürlich das Wo erfahrt ihr rechtzeitig. Abgesehen davon, dass es MEIN Stück ist, was an sich ja schon sehr aufregend ist, wird es auch etwas, das es so, in dieser Form, noch in keinem Theater gegeben hat. Und zwar eine zeitgleich parallele Aufführung in beiden Welten, der realen und der virtuellen. Das bedeutet eine Menge Planung und noch mehr Technik, darum bin ich diese Woche in Stuttgart und sehe mir die reale Seite genau an. Das tollste war aber, ich durfte in den Fundus! Es gibt ja, glaube ich, nichts aufregenderes, als in einem Theaterfundus rumzutoben! Soooo schöne Kostüme und witzige Requisiten! Ich habe mich ja vom Fleck weg in Susie Sau verliebt und hätte sie am liebsten geschweinappt – aber dann wäre Hund Hans-Heinrich wohl sehr traurig gewesen… Außerdem, tut mir leid, Susie, bist du zu dick für meine Reisetasche….

Im Fundus

Es ist für mich sehr ungewohnt, Regie zu machen. Als Autorin bin ich normaler Weise der eher unsichtbare Part. Jetzt stehe ich da und muß Anweisungen geben: wer zieht was an? Wer steht wo? Nein, das klingt nicht richtig, nochmal bitte! Das ist ein sehr merkwürdiges Gefühl. Wenn man allerdings die Fotos ansieht, die dabei entstanden sind, entsteht der Eindruck, als hätte ich nie etwas anderes gemacht, als Leute zu dirigieren. Da ich bis zur Premiere nichts verraten darf, gibt es hier jetzt leider nur Fotos von meiner Wenigkeit bei der Arbeit zu sehen, tut mir leid! Aber man sieht deutlich, es hat Spass gemacht – und wie!

Ich dirigiere – eindeutig^^

Hochverehrtes Publikum… für heute ist Schluß! 😉

Liberté, Egalité – Fuckafdé!

Seit Tagen fühle ich mich, als hätte man mir auf den Kopf geschlagen. Genauer, seit die geleakten Textauszüge einer AfD-Whatsappgruppe offen im Netz stehen. Mein gesamtes bisheriges Leben habe ich immer gesagt, daß man Nazis bekämpfen muß und ich das natürlich auch tun würde. Mit welchen Mitteln, darüber habe ich damals als Teenager nicht nachgedacht, aber irgendwie auf jeden Fall. Und das nicht nur, weil man als Teenager ja grundsätzlich immer „dagegen“ ist, sondern aus tiefster Überzeugung. Später, als ich ein kleines Kind hatte, relativierte ich das ein wenig. Ich wäre immer noch dagegen gewesen, aber vermutlich nicht ganz so laut oder so offen, weil es ja nicht mehr nur um mich ging. Feige? Vielleicht. Aber was kann mein Kind für meine Überzeugungen? Und jetzt? Jetzt muß ich erneut umdenken.

Eine Frage habe ich mir immer und immer wieder gestellt: Warum haben sich all die jüdischen Menschen so widerstandslos abführen lassen? Es gab auch dort Widerstand, ja, aber hätte er nicht größer sein müssen? Ich kam zu dem Schluß, daß die Menschen es einfach nicht geglaubt haben, nicht glauben konnten. Und als sie es begriffen, war es viel zu spät.

Und heute? Heute schreibt irgend so ein AfD-Arschloch völlig selbstverständlich diesen Satz: „ Wenn wir an die Macht kommen, müssen alle wieder ins Gas, die nicht unserer Meinung sind.“
Ganz lapidar.

Dieser eine Satz demaskiert einfach alles. Er demaskiert die komplette „Flüchtlingsdiskussion“ als lächerlichen Vorwand. Er demaskiert die angebliche Sorge um das Volk, als das sie sich so gerne sehen. Er demaskiert jedes angebliche Ziel dieser „Partei“. Es geht nicht um „Die (Flüchtlinge) gegen uns (Deutsche)“, es geht längst um „Wir (Nazis) gegen alle anderen“. Zugegeben, das klingt jetzt ein bisschen nach einem größenwahnsinnigen Weltherrschafts-Verschwörungs-Aluhut, aber wenn man sich diesen Satz so anguckt, dann eben doch nur noch ein bisschen. Im Klartext sieht es doch so aus: Eine Minderheit behauptet, „das Volk“ zu sein und will jeden töten, der das in Abrede stellt. Eine unerwünschte Minderheit will die Mehrheit des Volkes vergasen, dessen Wohl ihnen ja so am Herzen liegt. Spätestens jetzt sollte auch dem allerletzten Zweifler klar sein, daß denen das Wohl irgendeines Volkes total am Arsch vorbeigeht!

Es mag gut sein, daß die Menschen früher nicht glauben konnten, daß andere Menschen so abgrundtief böse sein können. Den Luxus dieses Unglaubens haben wir heute nicht mehr. Wir wissen genau, sie können es und sie werden es tun, wenn sie die Gelegenheit dazu haben! In vielen Diskussionen fällt der Satz „Eine Demokratie muß auch sowas aushalten können.“ Inzwischen frage ich mich aber, wie weit eine solch demokratische Toleranz gehen kann, wenn sie sich dadurch selbst aushöhlt. Die Aussage, alle Gegner ins Gas zu schicken, klingt für mich nach geplantem Massenmord und wenn eine Demokratie dabei zusieht, was ist sie dann? Immer und immer wieder habe ich gelesen, diskutiert mit den Leuten von der AfD, grenzt sie nicht aus, überzeugt sie vom richtigen (nicht rechten!) Weg. Nach diesem Satz werde ich darüber sehr ausgiebig nachdenken. In meinem ganzen Leben habe ich noch niemals einen Gegenstand erhoben, kein Stöckchen, keinen Stein, keine Torte, um ihn nach irgendwem zu werfen. Ich hoffe, daß ich das auch weiterhin nicht tun muß.