Neuigkeiten zum Theaterprojekt – Regina goes virtual real ;)

In den letzten Monaten hat es eine Menge Arbeit hinter den Kulissen gegeben und das wird auch in den nächsten Wochen noch so weitergehen, aber heute darf ich endlich offiziell verraten, was es mit dem Theaterprojekt auf sich hat und vor allem, wo es aufgeführt wird und wann.

Das Märchen „Die weisse Schlange“ ist im Japan der Heian-Zeit angesiedelt, dem Goldenen Zeitalter, der Blütezeit der Literatur, Kunst und Kultur. In diese Periode fällt zum Beispiel die Veröffentlichung des berühmten „Genji Monogatari“, welcher als erster psychologischer Roman der Literaturgeschichte gilt, im Jahre 1008. „Die weiße Schlange“ enthält Elemente des klassischen Märchens, der Fabel und auch Anklänge an den Shintoismus. Die Tochter eines Landadeligen soll den Sohn des Präfekten heiraten. Beide haben sich noch nie gesehen, die Ehe ist arrangiert. Plötzlich taucht im Brautgemach eine Schlange auf und zwingt der jungen Braut eine schwere Prüfung auf. Es wird ihr nicht erklärt, was geschehen wird, wenn sie versagt, aber auch nicht, wenn sie besteht. Es wird ihr keine Wahl gelassen. Mehr werde ich hier jetzt natürlich zum Inhalt auch nicht verraten 😉 .

Das klingt ja zunächst mal nicht sehr aufregend. Ein Märchen wird im Theater aufgeführt. Und doch ist es eine absolute Weltpremiere, weil es multimedial sein wird! Es wird nämlich zeitgleich in zwei Theatern aufgeführt. Und zwar befinden sich alle Schauspieler in Echtzeit live im japanischen Kaburenjo in Second Life und spielen dort vor einem internationalen Publikum. Diese Liveperformance wird, ebenso in Echtzeit, ins „Theater am Olgaeck“ in Stuttgart übertragen. Und dort befindet sich ganz real einer der Second Life-Akteure in Person auf der Bühne. Er ist also quasi zweimal anwesend und bildet so das Bindeglied zwischen virtuellem und realem Theater. So wird es auch möglich sein, daß die Schauspieler im Anschluß mit dem realen Publikum interagieren können und absolut deutlich wird, das Publikum sieht auf der Leinwand keine Aufzeichnung oder etwa einen Film. Ich weiß, das klingt jetzt erstmal alles etwas sehr kompliziert, ist es aber eigentlich nicht. Es ist experimentell und der Versuch, zwei Welten kreativ zu verbinden. Als Autorin und Virtual Artist bewege ich mich seit Jahren in beiden Welten und was liegt da näher, als sie einmal zusammen zu bringen und zu zeigen, was alles möglich ist? In Zeiten von Hatespeech, Fakenews, Cybermobbing und was es dergleichen noch mehr gibt, zu zeigen, man kann auch anderes mit dem Internet machen. Kultur schaffen, Kunst, Freude.
Seht es Euch einfach mal an. Auf dieser wunderschönen Sim steht das Theater, in dem wir in Second Life spielen werden: https://www.youtube.com/watch?v=J1VcY_OcomI

Und real sind wir hier: http://www.theateramolgaeck.de/ und zwar am 12.12. 2017 um 20.00 Uhr
Dazu gibt es natürlich zeitnah noch mehr Informationen.

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Eine nachhaltig prägende Begegnung mit Kapitän Schwandt

Genau heute vor einem Jahr hatte ich das Privileg, einen sehr beeindruckenden Menschen persönlich kennen zu lernen: Kapitän Schwandt. Eine Begegnung, die mich nachhaltig geprägt hat und die das wohl auch für den Rest meines Lebens tun wird. Leider war es der letzte öffentliche Auftritt, bevor er sich aus der Öffentlichkeit zurückziehen musste. Und gerade in diesen Tagen, kurz vor einer Bundestagswahl, die das Gesicht Deutschlands erneut mit einer sehr häßlichen Fratze verunstalten könnte, der Fratze des Nationalsozialismus, merke ich, wie schmerzlich er fehlt. Mir ganz persönlich. Seine Klare Kante, seine auf den Punkt treffende Sicht der Dinge, die hier schieflaufen. Ich bin sehr froh, daß er eine sehr große Gruppe von Menschen zusammenbringen konnte, die seine Ansichten weitertragen, dafür einstehen und auch laut sind. Denn ganz ehrlich, ich habe ein wenig Angst davor, in was für einem Deutschland ich am 25.09.2017 aufwachen werde.

Persönlich habe ich einen klugen, bedachtsamen Menschen kennengelernt. Einen sehr warmherzigen, empathischen Mann mit einem wunderbar trockenen Humor und, auch wenn manche eher den grummeligen Alten in ihm sahen, einen wahren Humanisten. Diese Begegnung hat mir sehr viel Kraft gegeben und sie wirkt heute noch, ein Jahr später, in mir nach. Ich habe selten einen Menschen getroffen, der eine solche Ausstrahlung und Power besitzt, wie dieser alte Kapitän. Auch wenn er sich nicht mehr, oder nur in Ausnahmefällen, auf Facebook zu Wort meldet, vergessen wird er nicht. Nicht nach einem, nicht nach fünf oder zehn Jahren. Ein Jahr ist schnell vorbei und vieles passiert in zwölf Monaten, aber das ich das Glück hatte, ihn kennenlernen zu dürfen, ist mir diesen kleinen Artikel mehr als wert.

Literatur, Toleranz und nochmal Gomringer

Die literarische Netzgemeinde hat es ja vermutlich mitbekommen: Die Streiterei um das wunderbare Gedicht „avenidas y flores“ von Eugen Gomringer. Kurze Zusammenfassung für alle anderen:
Ein Dichter schreibt ein Gedicht (in den frühen Fünfziger Jahren), das machen Dichter so, sie dichten. Im Jahr 2011 bekommt dieser Dichter den Poetikpreis einer Hochschule und stiftet „avenidas y flores“ als Dankeschön. Seitdem ziert es die Fassade eben jener Hochschule. Im Jahr 2017 nun entbrennt ein Streit darum, ob dieses Gedicht sexistisch und frauenfeindlich ist. Seitdem wird das nun diskutiert. Nora Gomringer, Tochter des Dichters, hat in einem wunderbaren Video sehr pointiert darauf geantwortet, mit einer eleganten Lehrstunde zum Thema „Konkrete Poesie“. Das findet man leicht auf ihrerFacebookseite .

Mich beschäftigt das Thema seitdem auch, natürlich. Als Lyrikerin und auch als Frau. Ich sag es gleich vorweg, vermutlich werde ich mir mit diesem Artikel keine Freundinnen machen.
Mir geht diese aggressive Gleichmacherei der Sprache so dermassen auf die Nerven! Ich hab eine Neuigkeit: es gibt MÄNNER auf dieser Welt und das ist gut so! Ja, manche sind Schweine, auch richtig, aber glaubt ihr wirklich, alle Frauen sind Engel?! Und glaubt ihr wirklich, ihr ändert irgendetwas, wenn ihr alles männliche aus der Sprache eliminiert und neutralisiert? Das ist auch eine Form von Unterdrückung, schon mal darüber nachgedacht?
Sprache ist in erster Linie mal ein Mittel der Kommunikation. Der kleinste gemeinsame Nenner, damit man einander überhaupt verstehen kann. Natürlich entwickelt sie sich, verändert sich, erweitert sich, Worte verschwinden und es kommen neue dazu, sehr spannend alles. Wenn wir aber anfangen, auf jede kleinste Befindlichkeit einzelner Gruppen Rücksicht zu nehmen, enden wir in Babylon. Weil sich dann jede Gruppe nur noch im eigenen Sprachraum bewegt und die anderen nicht mehr versteht. Und das ist eindeutig ein Rückschritt. Ich glaube kaum, daß Herr Gomringer damals, als er sein Gedicht schrieb, darüber nachdachte, daß es über 60 Jahre später irgendwelche Befindlichkeiten verletzen könnte. Was er bestimmt nie beabsichtigt hat.

Als Lyrikerin hasse ich nichts mehr, als meine Gedichte erklären zu müssen. Die schlimmste Frage nach einer Lesung lautet: „Wie ist das gemeint?“ Für einen Menschen, der mit Sprache „arbeitet“, ist sie mehr als bloße Kommunikation. Sie ist Spielplatz, Leinwand, Notenblatt, manchmal auch Schlachtfeld. Man kann ein Gedicht natürlich zerpflücken, auseinandernehmen und sezieren. Jeden Text. Man riskiert dabei zwar, daß er seinen Zauber verliert, aber vielleicht ist das manchmal gerade nötig. Im Nachhinein. So zweihundert Jahre später. Aber zu Lebzeiten des Autors? Ich würde ausrasten, wenn man mich bitten würde, ein Gedicht zu ÄNDERN, eine Zeile anzufügen oder etwas zu streichen. Muß ich heute schon, wenn ich zum Beispiel ein Gedicht über eine rauschende Liebesnacht verfasse, in dem ich meinen Geliebten geradezu anbete, davor Angst haben, in zehn Jahren dafür auf dem Scheiterhaufen des Feminismus zu stehen? Und das Gedicht dann besser gar nicht erst schreiben? Aber bestimmt nicht! Das wäre ja vorgedachte Zensur.
Noch viel schlimmer trifft dieser Sprachbegradigungswahn ja bereits verstorbene Autoren. Dazu zähle ich auch visuelle Anpassungen. Man denke nur an die schwachsinnige Debatte, den Pumukl schlanker zu zeichnen, weil dick… nääää, geht gar nich. Lindgrens Pippi redet von einem Negerkönig? Geht nicht, muß weg. Onkel Toms Hütte? Am besten gleich ganz einstampfen…. Ja um Himmels Willen, seid ihr noch bei Trost?! Ich empfehle ganz dringend etwas, das in diesen Tagen sowieso in aller Munde ist: ein wenig Toleranz.

Die Katze ist aus dem Sack: Regina goes Theater!

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Eine ganze Weile war es ruhig auf dem Blog, weil ich beschlossen hatte, nur noch etwas zu veröffentlichen, wenn mich etwas bewegt, freut oder ärgert und diese Monatsrückblicke stillschweigend einzustellen. Nach drei oder vier Jahren empfand ich sie nur noch als lästige Pflicht und das hat man sicher auch gemerkt.

Aber natürlich heisst das nicht, ich wäre untätig gewesen oder hätte nichts erlebt, im Gegenteil! Vor einiger Zeit schrieb ich ein japanisches Märchen und aus irgendeinem Grund blieb es lange in der Schublade, es gab nur einmal eine Lesung in Second Life. Aber nun – TUSCH! – wird es aufgeführt! Und zwar in Second Life UND einem ganz realen Stuttgarter Theater! Wenn alles klappt, soll die Premiere im Dezember sein, das genaue Wie und natürlich das Wo erfahrt ihr rechtzeitig. Abgesehen davon, dass es MEIN Stück ist, was an sich ja schon sehr aufregend ist, wird es auch etwas, das es so, in dieser Form, noch in keinem Theater gegeben hat. Und zwar eine zeitgleich parallele Aufführung in beiden Welten, der realen und der virtuellen. Das bedeutet eine Menge Planung und noch mehr Technik, darum bin ich diese Woche in Stuttgart und sehe mir die reale Seite genau an. Das tollste war aber, ich durfte in den Fundus! Es gibt ja, glaube ich, nichts aufregenderes, als in einem Theaterfundus rumzutoben! Soooo schöne Kostüme und witzige Requisiten! Ich habe mich ja vom Fleck weg in Susie Sau verliebt und hätte sie am liebsten geschweinappt – aber dann wäre Hund Hans-Heinrich wohl sehr traurig gewesen… Außerdem, tut mir leid, Susie, bist du zu dick für meine Reisetasche….

Im Fundus

Es ist für mich sehr ungewohnt, Regie zu machen. Als Autorin bin ich normaler Weise der eher unsichtbare Part. Jetzt stehe ich da und muß Anweisungen geben: wer zieht was an? Wer steht wo? Nein, das klingt nicht richtig, nochmal bitte! Das ist ein sehr merkwürdiges Gefühl. Wenn man allerdings die Fotos ansieht, die dabei entstanden sind, entsteht der Eindruck, als hätte ich nie etwas anderes gemacht, als Leute zu dirigieren. Da ich bis zur Premiere nichts verraten darf, gibt es hier jetzt leider nur Fotos von meiner Wenigkeit bei der Arbeit zu sehen, tut mir leid! Aber man sieht deutlich, es hat Spass gemacht – und wie!

Ich dirigiere – eindeutig^^

Hochverehrtes Publikum… für heute ist Schluß! 😉

Liberté, Egalité – Fuckafdé!

Seit Tagen fühle ich mich, als hätte man mir auf den Kopf geschlagen. Genauer, seit die geleakten Textauszüge einer AfD-Whatsappgruppe offen im Netz stehen. Mein gesamtes bisheriges Leben habe ich immer gesagt, daß man Nazis bekämpfen muß und ich das natürlich auch tun würde. Mit welchen Mitteln, darüber habe ich damals als Teenager nicht nachgedacht, aber irgendwie auf jeden Fall. Und das nicht nur, weil man als Teenager ja grundsätzlich immer „dagegen“ ist, sondern aus tiefster Überzeugung. Später, als ich ein kleines Kind hatte, relativierte ich das ein wenig. Ich wäre immer noch dagegen gewesen, aber vermutlich nicht ganz so laut oder so offen, weil es ja nicht mehr nur um mich ging. Feige? Vielleicht. Aber was kann mein Kind für meine Überzeugungen? Und jetzt? Jetzt muß ich erneut umdenken.

Eine Frage habe ich mir immer und immer wieder gestellt: Warum haben sich all die jüdischen Menschen so widerstandslos abführen lassen? Es gab auch dort Widerstand, ja, aber hätte er nicht größer sein müssen? Ich kam zu dem Schluß, daß die Menschen es einfach nicht geglaubt haben, nicht glauben konnten. Und als sie es begriffen, war es viel zu spät.

Und heute? Heute schreibt irgend so ein AfD-Arschloch völlig selbstverständlich diesen Satz: „ Wenn wir an die Macht kommen, müssen alle wieder ins Gas, die nicht unserer Meinung sind.“
Ganz lapidar.

Dieser eine Satz demaskiert einfach alles. Er demaskiert die komplette „Flüchtlingsdiskussion“ als lächerlichen Vorwand. Er demaskiert die angebliche Sorge um das Volk, als das sie sich so gerne sehen. Er demaskiert jedes angebliche Ziel dieser „Partei“. Es geht nicht um „Die (Flüchtlinge) gegen uns (Deutsche)“, es geht längst um „Wir (Nazis) gegen alle anderen“. Zugegeben, das klingt jetzt ein bisschen nach einem größenwahnsinnigen Weltherrschafts-Verschwörungs-Aluhut, aber wenn man sich diesen Satz so anguckt, dann eben doch nur noch ein bisschen. Im Klartext sieht es doch so aus: Eine Minderheit behauptet, „das Volk“ zu sein und will jeden töten, der das in Abrede stellt. Eine unerwünschte Minderheit will die Mehrheit des Volkes vergasen, dessen Wohl ihnen ja so am Herzen liegt. Spätestens jetzt sollte auch dem allerletzten Zweifler klar sein, daß denen das Wohl irgendeines Volkes total am Arsch vorbeigeht!

Es mag gut sein, daß die Menschen früher nicht glauben konnten, daß andere Menschen so abgrundtief böse sein können. Den Luxus dieses Unglaubens haben wir heute nicht mehr. Wir wissen genau, sie können es und sie werden es tun, wenn sie die Gelegenheit dazu haben! In vielen Diskussionen fällt der Satz „Eine Demokratie muß auch sowas aushalten können.“ Inzwischen frage ich mich aber, wie weit eine solch demokratische Toleranz gehen kann, wenn sie sich dadurch selbst aushöhlt. Die Aussage, alle Gegner ins Gas zu schicken, klingt für mich nach geplantem Massenmord und wenn eine Demokratie dabei zusieht, was ist sie dann? Immer und immer wieder habe ich gelesen, diskutiert mit den Leuten von der AfD, grenzt sie nicht aus, überzeugt sie vom richtigen (nicht rechten!) Weg. Nach diesem Satz werde ich darüber sehr ausgiebig nachdenken. In meinem ganzen Leben habe ich noch niemals einen Gegenstand erhoben, kein Stöckchen, keinen Stein, keine Torte, um ihn nach irgendwem zu werfen. Ich hoffe, daß ich das auch weiterhin nicht tun muß.

Erster Besuch einer re:publica, ein kritischer Blick

Das war sie also nun, meine erste republica, Europas größte Medienkonferenz. Und ich muß sagen, ein bisschen enttäuscht bin ich schon. Ich hätte ganz entschieden ein wenig mehr Renitenz erwartet, ein wenig mehr Aktivismus, ein wenig mehr Widerstand. Vielleicht war ich als Newbie ja grundsätzlich auf den falschen Sessions, aber gerade bei den Themen Hatespeech und Trolling, die doch immer wichtiger werden, war ich geradezu fassungslos über die Naivität, mit der darüber gesprochen wurde. Immerhin habe ich gelernt, daß Twittertrolle anders sind als Facebooktrolle. Den Begriff „Sifftwitter“ habe ich vorher noch nie gehört, wie der überwiegende Teil der Zuhörer auch nicht, konnte also mit den Mechanismen nicht viel anfangen. Allerdings auch nicht mit dem abschliessenden Rat: Trolle nicht blocken (das bestätigt die nur und sie machen ne Jubelparty, so ungefähr) sondern ignorieren. Ich benutze Twitter seit zehn Jahren, zum Blödsinn machen, manchmal zum lästern oder auch für Kunst, beteilige mich an Projekten wie der #Twitterolympiade, aber durchaus auch beruflich. Wenn mich da jemand trollt, wird er blockiert und es ist mir herzlich egal, ob dieser Spasstroll dann seine Genugtuung hat, mich „geärgert“ zu haben. Hat er vermutlich nicht mal, weil ich ihn innerhalb von 30 Sekunden vergesse.
Anders sieht es für mich da schon bei den Facebooktrollen aus, die durchaus sehr politisch motiviert sind und deren Hatespeech vom „right wing“ ja gerne mal in sehr konkreten Androhungen physischer Gewalt bis hin zu Morddrohungen gipfelt. Auch die sollen auf keinen Fall ausgegrenzt oder ignoriert werden, wir müssen uns denen Face to Face stellen und mit ihnen diskutieren. Tatsächlich? Schon mal versucht, mit jemandem zu diskutieren, der nur auswendig gelernte Phrasen runterleiert und wenn ihm keine weiteren Argumente (fremde oder eigene) mehr einfallen, mit Vergewaltigung droht? Alternative Fakten, Lügenpresse, Beschimpfungen und Drohungen – und die einzige Reaktion soll sein: diskutiert mit denen! Kann man machen, bringt aber nicht wirklich was. Und für die High Society der Netzaktivisten ist mir das alles zu weichgespült und zu angepasst. Natürlich kann die Lösung nicht sein, zurückzudrohen. Dann hätten wir bald einen Krieg im Netz, der stellenweise ja sogar schon da ist. Ein wenig mehr Gegenwehr hätte ich aber doch erwartet.
Allerdings hörte ich vereinzelt von Leuten, die regälmässig auf dieser Veranstaltung sind, daß ihnen genau das auch auffiele und die Stimmung gänzlich anders wäre als sonst. Und wenn man all die tollen Plakate gesehen hat, die von den Plakatmalern fabriziert wurden, dann GAB es diese kritischen Stimmen ja. Warum waren die auf keiner Stage?! Thomas de Maizière erzählt allen Ernstes , er sähe keinen Grund für digitale Grundrechte, die wären ja im Grundgesetz schon da – und niemand meckert? Also doch, ja, es gibt jetzt diesen niedlichen Hashtag #thomasdämlichsehr, aber ich meine sowas wie Tumult im Zuhörerraum. Nicht mal ein ganz kleiner?!
Vielleicht geht es uns allen zu gut? Ich bekam am ersten Tag noch die letzten Keywords der Begrüßung mit, in denen es darum ging, denen eine Stimme zu geben, denen man sie wegnehmen will, also Menschen, die in einer Diktatur leben, für die Pressefreiheit ein schönes Märchen ist, die verfolgt und eingesperrt werden, wenn sie systemkritisch schreiben. Oder einfach nur die Wahrheit. Das sind richtige Probleme. Auch das neue Datensicherheitsgesetz ist wichtig, schliesslich erlaubt es, Nutzerdaten ausführlicher zu überwachen als ohnehin schon. Also, ich finde, es gibt und gäbe wirklich genug Gründe, etwas mehr Aktionismus zu zeigen.
Und zu guter Letzt: Wo bitte war die Kultur? Die hat nicht nur Wibke Ladwig gefehlt, sondern auch mir.
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Trotzdem war es aber auch schön und interessant. Ich traf nach langer Zeit Wibke wieder, leider viiiiel zu kurz, Frauke Watson, die ich völlig überrumpelte mit einem Fotoshooting unter den Mottobuchstaben, begegnete Raul Krauthausen, dessen Arbeit und Engagement für Menschen mit Behinderung ich sehr schätze, machte mit Doro Martin ein Interview für ihre Storytelling-App oolipo.de – und brachte einen Androiden durcheinander (das hat spass gemacht 😉 ).
Wenn das Projekt „Kulturflauschattacke“ von Wibke Form annimmt, wäre ich gerne dabei, dann komme ich auch gerne nochmal wieder – zur re:publica 18

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Unter meiner Haut

Heute hättest du Geburtstag.
Wenn du nicht gegangen wärst,
vor einem Jahr.
Ein ganzes Jahr schon
ohne dich
und ich vermisse dich,
jeden einzelnen Tag.

Dir wäre er egal gewesen,
dieser Tag,
einer, wie jeder andere.
Mir war er das nie,
ich nannte dich dann immer
meinen zärtlichen Hexer,
an Beltane geboren.

Du hast dann gelächelt,
amüsiert.
Oh wie ich es vermisse,
dieses Lächeln, das nie
unterhalb deiner Augen endete,
diesen Sternen
von Aquamarin –
und meinem Bild darin.

Ich trage dich in der Seele
und auf dem Arm,
eingraviert für immer,
unter der Haut.
Du gingst mir als einziger
unter die Haut.
Dort wirst du immer lächeln.

Nicht noch einmal

Wir sahen sie.
Damals.
In Büchern und Filmen.
Nicht Märchen und Hollywood, nein,
in Geschichtsbüchern und Dokumentationen.
Wir sahen sie.
Ausgehungert bis zum Skelett,
Augen riesig, voller Schmerz,
Angst und Leere,
Knochenhaufen, Leichenberge.
Rosa Dreiecke. Gelbe Sterne.
Und wir weinten.

Wir sahen ihn.
Den SS-Mann,
der abends nach Hause kam
aus dem KZ
und seine Kinder umarmte
und ihnen eine Geschichte vorlas.
Im Schein einer Lampe
mit gelblichem Schirm.
Wir sahen sie.
Die Nummer.
Am unteren Rand der Lampe,
blaß, grünlich, unscharf.
Und wir weinten.

Wir sehen sie.
Bösartige, giftige Trolle,
auferstandene Spukgestalten.
Die nie mehr sagen können:
„Wir haben es nicht gewußt!“
Doch. Sie wissen genau, was sie tun,
wenn sie Menschen bedrohen,
ihnen den Tod wünschen,
die Menschenverachtung vor sich hertragen
und sich selbst Mensch nennen.
Wir sehen sie.
Die „Wir sind ja keine Nazis, aber…“-Sager,
die bürgerlich-mittigen Brandstifter,
denen man vor allem Angst machen kann.
Und wir weinen nicht.
Nicht noch einmal!

(c) Regina Neumann

Für einen Tag Hamburg

Man bescheinigte mir schon des öfteren eine gewisse Verrücktheit und Vorgestern war es mal wieder soweit: Ich fuhr für einen Tag nach Hamburg, einfach so. Naja, nicht GANZ einfach so. Es war eine Belohnung. In den Wochen davor habe ich ein wahres Mammutprojekt gestemmt, Nächte durchgearbeitet, aus Verzweiflung prokrastiniert in Form von nächtlicher Putzwut, Blut und Wasser geschwitzt und mehr als einmal derbe Flüche ausgestoßen. (Worum es dabei geht, erzähle ich, wenn es spruchreif wird) Jedenfalls gab es eine Deadline, die ich unbedingt einhalten mußte und das habe ich auch geschafft. Allerdings war mein Kopf danach vollkommen leer und ich ziemlich geschafft, so daß ich dachte, ich lass mir den Kopf mal durchpusten, setze mich an die Landungsbrücken und zähle Möwen. Mehr nicht.

Dank des Schicksals, oder meiner fantastischen Ungeschicklichkeit, musste ich aber noch eine Woche warten. Bei der Zubereitung des Meerschwein-Frühstücks fiel mir das Küchenmesser runter. Meine Messer sind wirklich scharf und es fiel, Spitze zuerst, Schneide nach unten, direkt auf meinen Fuß. Ich hatte keine Ahnung, wie sehr so ein Fuß bluten kann! Mein Küchenboden sah 1A aus wie aus einem amerikanischen Mafiafilm, es fehlten bloß noch die Absperrbänder „Crime Scene! Do not cross!“ Das brauchte dann eine Woche, um zu heilen, na schön.

Es ist ja schon ein bisschen bekloppt, ein paar Stunden mit dem Zug durch die Gegend zu juckeln für ca. 6 Stunden Hamburg und dann wieder ein paar Stunden zurück, aber manchmal darf man auch bekloppt sein. Warum? Na weil ich es kann! Ausserdem fahre ich gerne Zug. Ich mag es, die vorbeiziehende Landschaft zu beobachten, zu sehen, wie sie sich verändert und dabei meine Gedanken fließen zu lassen. Oder auch einfach mal wegzudösen, dabei Musik auf den Ohren. Wusstet ihr, daß der Bahnhof in Uelzen ein echtes Kunstwerk ist? Ja, Uelzen! Das ist der Ort, an dem man eine Hungerattacke auf geröstete Erdnüsse bekommt, wenn der Wind richtig steht, genau. Aber zurück zum Bahnhof. Das kleine Ding mit seinen sechs Gleisen wurde nämlich von keinem Geringeren als Friedensreich Hundertwasser entworfen.

Hundertwasser-Bahnhof Uelzen




Als der Zug in Hamburg einfuhr, verabschiedete sich der Zugführer nicht mit den Worten „Senk ju for träwwelink wiß Deutsche Bahn“ sondern er sagte:“Willkommen in der schönsten Stadt der Welt!“ DAS ist doch mal ne Ansage. Für mich persönlich liefern sich ja Hamburg und London ein Kopf an Kopf – Rennen, aber man kann das schon so stehen lassen. Das Hamburger Wetter begrüßte mich mit einem vorgezogenen April: strahlender Sonnenschein und es regnete – gleichzeitig. Ich hatte wohlweislich meinen alten, wattierten Hoodie an. Das Ding ist ungelogen 25 Jahre alt aber noch tipptopp, das praktischste Kleidungsstück für Unterwegs und absolut winddicht. Das sollte sich auch als absolut notwendig erweisen, auf der Fähre war es so windig, daß es mir fast die Kamera aus der Hand geweht hätte. Ich machte die „kleinste Kreuzfahrt der Welt“ lt. Ankerherz-Verlag, mit der Fähre 62. Weil die nämlich am Museumshafen Övelgönne vorbeifährt und genau da habe ich mal als Gast in einer der Villen gewohnt. Bei einer sehr resoluten Kapitänswitwe. Das ist gut 30 Jahre her und ich wollte sehen, ob ich das Haus wiederfinden würde. Ich hab es tatsächlich gesehen, es hat nämlich einen wunderbaren Erker und in diesem Erkerfenster habe ich damals gesessen und stundenlang die Schiffe auf der Elbe beobachtet. Nicht ahnend, daß ich heute selbst mal auf einem dieser Schiffe an der Villa vorbeifahren würde.
Gerade als ich an den Landungsbrücken wieder ausgestiegen bin, hörte ich ziemlich lautes quietschen und johlen vom Wasser her. Ich drehte mich um und sah eine andere Fähre, auf Deck eine Schulklasse. Der Kapitän wurde nicht etwa langsamer sondern gab richtig Gas und legte eine scharfe Drehung hin! Ich grinste, wie alle Leute, die es mitbekamen. Wäre das ein Auto gewesen, hätten die Reifen gequietscht, garantiert!

Museumsschiff – Ich mag diese alten Segelschiffe!



Langsam machte sich Hunger breit und das hieß: Fischbrötchen! Klar, was sonst? Ich blieb noch an den Landungsbrücken, Schiffe gucken und – Möwen zählen! Ein Exemplar war ja besonders anhänglich und überhaupt nicht scheu, ich hätte nie gedacht, daß ich so nah an sie rankäme. Und nein, das lag nicht am Fischbrötchen, das war längst weg ^^ .

Über all dem thront ja nun die Elbphilharmonie, Elphi, und ich überlegte kurz, ob ich da noch hin sollte, denn angucken würde ich sie mir ja schon gerne. Aber dann dachte ich, ich brauche ja einen Grund, um wieder zu kommen. Obwohl, brauche ich einen Grund? Eigentlich nicht. Trotzdem werde ich Elphi das nächste Mal besuchen.

Ich fuhr zurück zum Bahnhof und kaufte mir eine Tüte Franzbrötchen. Das muß so, die bei uns sind einfach nicht gut, sorry Göttingen. Draussen stieß ich dann auf den Hamburger Gabenzaun für Obdachlose. Eine geniale Idee, einen Sperrzaun, der Menschen am sitzen hindern soll, einfach mal zu einem Gegenstand der Menschlichkeit zu machen! Zu meiner Verwunderung stand ein „Gabenwächter“ daneben, der aufpasste, daß wirklich nur Obdachlose die Tüten abpflücken. Ich unterhielt mich einen Moment mit ihm, weil mir das nicht so recht in den Kopf wollte, daß Leute, die es nicht nötig haben, da was wegnehmen. Wenn ich das nächste Mal komme, bringe ich auch was mit für den Zaun, das ist versprochen!

Umbau zur Humanität – der Hamburger Gabenzaun


Auf der Heimfahrt wurde ich mit einem geradezu fantastischen Sonnenuntergang über Hamburg belohnt. Dunkelrot stand sie über der Elbe, Elphi blitzte immer wieder kurz zwischen Bäumen und Häusern durch und ich juckelte gemütlich wieder nach Hause. Schön war´s.

Wenn du nicht weißt, was es wird, nenne es Essay. Oder einfach Fingerübung.

Freundschaft muß man sich verdienen. So heißt es zumindest. Oder Freundschaft muß wachsen, über Jahre. Das mag stimmen, oft ist das sicherlich auch so. Aber manchmal wird sie einem auch einfach zuteil, wie ein unerwartetes Geschenk, wie etwas, womit man nicht rechnet. Ein Mensch, der dir im entscheidenden Augenblick die Hand reicht und den du danach niemals mehr wiedersiehst, dessen Namen du vielleicht nicht einmal kennst und nie erfahren hast, kann dir mehr zu einem Freund werden als jemand, den du dein ganzes Leben lang gekannt hast.

Wenn Zeit bei der Entwicklung einer Freundschaft eine Rolle spielt, kann ich nur sagen, Zeit hat ja nicht nur eine meßbare Länge, also Sekunden, Minuten, Tage, sie hat auch eine, nicht meßbare, Tiefe. Manchmal genügt ein einziger Augenblick, um einen wahren Freund zu erkennen. Dieser Augenblick war dann nachhaltiger und tiefer als es zehn Jahre sein können. Und unvergesslicher.

„Freundschaft bedeutete, sich geehrt zu fühlen, dass man einen anderen in seiner größten Verzweiflung auffangen dürfte…“ ( Hanya Yanagihara, Ein wenig Leben) Wie lange dauert es, in seine tiefste Verzeiflung zu stürzen? Und wie lange, die Hand auszustrecken um den anderen festzuhalten? In diesem Moment sind sich zwei Menschen sehr nah, in einer Sekunde noch Fremde, in der nächsten durch tiefe Sympathie verbunden, der eine stark, der andere schwach. Es gibt keine stärkere Bindung, als sich im Augenblick der Schwäche an einen anderen zu halten, der Wärme und Kraft, Verständnis und Empathie ausstrahlt. Ebenso wenig wie umgekehrt. Es macht einen starken Menschen nur noch stärker, wenn er einen schwächeren auffängt und stützt. Ist das schon Freundschaft? Oder der Beginn einer solchen?

Wann auch immer sie beginnen, sicher ist, es gibt Freundschaften, die, obwohl während eines Wimpernschlages entstanden, unverbrüchlich sind. Sie sind unser wertvollster Besitz.

Foto: Pinterest

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