Ein Rant zwischendurch

Lange war es still hier. Es gibt ja auch wenig zu berichten, denn in der noch immer andauernden Selbstisolation passiert ja nicht so viel, alles mutiert irgendwie zu Routine. Schweinchen versorgen, Wäsche waschen, bisschen putzen, kochen, Videos/Filme gucken und das Ganze von vorne. Ich habe angefangen, mir einige YT-Kanäle von japanischen Influencern anzugucken, vornehmlich um ein paar neue Rezepte abzustauben aber auch, um mir das alltägliche Leben in Japan anzugucken. Mein Fenster zur Welt sozusagen, wenn ich schon nirgends hin kann. Das Problem ist, diese Kanäle sind dermassen identisch gleichgeschaltet, sie haben zum großen Teil sogar die gleichen Töpfe und Bestecke, daß ich den Überblick verliere, welchen Kanal ich eigentlich sehe. Die sind wie geklont. Einzige wirklich entzückende Ausnahme ist der Kanal vonKimono Mom .

Vielleicht bin ich auch deswegen gerade besonders übellaunig, weil ich seit März in meiner Wohnung sitze und mir den Wahnsinn der Welt von hier aus ansehe und mir meine Gedanken mache. Und ich warne euch jetzt schon: diese Gedanken sind in den Augen mancher mit Sicherheit rassistisch, sexistisch, übel und ganz, ganz schlimm böse! Das macht mir aber nichts, denn es ist ja egal, zu welchem Thema ich so meine Gedanken habe, irgendjemand wird sich schon angegriffen fühlen und mir eine -ismus -Keule überbraten. So what?
Ich bin eine mittelalte weiße cis-Frau (ein Begriff, den ich tatsächlich erst mal nachlesen musste) und das heißt, ich bin mit dem dualen System aufgewachsen. Also dem Prinzip Mann – Frau. Natürlich habe ich gelernt, daß es da noch einiges dazwischen gibt, einiges verstehe ich, anderes geht über meinen Horizont. Und damit hat es sich auch. Es gibt heute Menschen, die von sich sagen: „Ich bin nicht Mann noch Frau, ich bin ein lilagestreifter außerirdischer Joghurt und als solcher möchte ich bitte wahrgenommen, angesprochen und respektiert werden, klar?!“
Das ist so eine Konstellation, die meinen Horizont übersteigt. Genau so, wie der Shitstorm, den eine bekannte Autorin unlängst abbekam, weil sie sich gegen die Formulierung „Menschen, die menstruieren“ wehrte und sagte „Das sind Frauen.“Punkt. Sie ist mein Jahrgang und vielleicht sind wir einfach zu alt, um Dinge wie lilagestreiften Joghurt zu verstehen, aber biologisch betrachtet hat sie nun mal recht. Männer menstruieren nicht. Das eine Transfrau deswegen für mich trotzdem eine Frau ist und von mir als Mensch so behandelt wird, steht außer Frage, aber gerade bei diesem Thema geht es halt um Biologie und nicht um persönliches Empfinden.
Wie sehr man inzwischen aufpasst, was man zu wem sagt, wurde mir in dem Augenblick bewußt, als ich mich bei meinem besten Freund tatsächlich dafür entschuldigt habe, ihm die Netflix-Serie „Pose“ empfohlen zu haben! „Also….äh….ich sag das jetzt nicht, weil du schwul bist und ich denke, das muß dir jetzt deswegen gefallen. Die Serie ist klasse, aber das…äh… also, das hat jetzt nix mit Klischee zu tun….“ WAS RED ICH DA ZUM TEUFEL?! Er lachte sich halbtot am Telefon über mich. Es ist gut, das Bewußtsein dafür zu schärfen, manche Dinge einfach nicht zu sagen oder zumindest zu hinterfragen, aber was derzeit abgeht, ist schlicht absurd.
Ich habe gerade einen Krimi aus den späten 80ern beendet, in dem sehr oft das Wort „gemischtrassig“ vorkam. Nun wissen wir ja alle, „Rasse“ gibt es beim Menschen nicht, wir sind alle ein genetischer Brei, bestenfalls gibt es unterschiedliche Ethnien. Soll die Autorin das Buch jetzt komplett neu schreiben? Soll ich es verbrennen, das böse Ding? Nein, verdammt, das werde ich nicht tun. Ich nehme es als das, was es ist: ein Produkt seiner Zeit. Es gibt dringendere Probleme als alte Formulierungen. Wenn ein dunkelhäutiger Mensch bei einer Behörde, bei der Job- oder Wohnungssuche anders (also herablassend oder sonstwie negativ) behandelt wird, als ein hellhäutiger, wenn er angegriffen, beschimpft, bedroht wird, weil er einen Turban, eine Kippa oder Tschador trägt, dann ist Handeln angesagt. Die Frage „Woher kommst du?“ ist ja schon fast ein Verbrechen. Dabei ist nicht die Frage das Problem, sondern der nächste Satz! Wenn ich als nächstes nämlich sage „Dann geh da mal wieder hin!“ dann bin ich eine Rassistin. Wenn ich allerdings sage „Oh, das klingt interessant, erzähl mir doch was über dein Land“ – dann nicht. Aber dazu muß ich halt abwarten und nicht gleich losplärren…

Es wird sich über so vieles gerade in der Sprache mokiert, daß es einem Autor/einer Autorin (ja, das war Absicht!) Angst und Bange werden kann. Ich las auf Twitter gestern einen Tweet von jemandem, der sich ernsthaft von der Formulierung „eine weibliche Stimme“ getriggert fühlte und deswegen darum bat, das doch anders zu umschreiben. Wie bitte?! Wie soll ich als Autorin das denn bitte anstellen? Es gibt hunderttausende Interpretationen von „weibliche Stimme“ und ich habe beim Schreiben EINE davon im Kopf. Hundert Leser*innen werden hundert Variationen davon in jeweils IHREM Kopf haben, von Zarah Leander (tief) bis zu Lisa Simpson (hoch), je nachdem, wie sich der/die Leser*in die Figur vorstellt. Das ist der Sinn des Lesens, na gut, einer davon: daß sich beim Lesen im Kopf eine Welt ausbreitet, das berühmte Kopfkino.
Würde ich als Autorin mich darauf einlassen, machte ich mich zur Geisel meiner Leser und das kommt nicht infrage. Ganz davon abgesehen, daß dann der nächste ankäme und sich genau davon getriggert fühlt, daß meine Figur auf einmal eine neutrale Stimme hat, was immer das sein soll. Man kann es niemals allen recht machen – und das sollte man als Künstler auch gar nicht versuchen. Dann kann man nämlich einpacken.

Und last but not least: auch wenn es uns alle nervt und viele deswegen so tun, als wäre alles vorbei; die Pandemie ist noch da, ich bleibe zu Hause, trage eine Maske, wenn ich doch mal raus muß, auch wenn mir darunter schwindelig wird – und JETZT habe ich fertig.

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