Schindlerjüdin von Raimund A. Mader

Inhalt:

Frühjahr 1948, kurz vor der Währungsreform. In Regensburg werden drei Männer auf brutale Art und Weise ermordet. Schnell ist klar, dass es sich bei den Opfern um ehemalige SS-Mitglieder handelt. Im Zuge der Ermittlungen taucht überdies ein bekannter Name auf: Oskar Schindler, wohnhaft in Regensburg.
Mehr als 50 Jahre später wird ein Zeuge der damaligen Taten, Paul Gemsa, ein schlesischer Heimatvertriebener und mittlerweile hochrangiger Bürger der Stadt, selbst ermordet. Kommissar Adolf Bichlmaier ist sich sicher, dass es einen Zusammenhang zwischen den Verbrechen geben muss …

Im Normalfall inhaliere ich Krimis, ich war immer schon eine Schnell-Leserin. Aber bei manchen Büchern geht das nicht, die muß man mit Bedacht lesen und mit Verstand. „Schindlerjüdin“ ist so ein Buch, eines, das „nachwirkt“.
Bichlmaier ist ein mir durchaus sympathischer Typ. Überschattet von einem persönlichen Problem war er einige Monate „arbeitsabstinent“ und muß sich nun gleich mit einem Fall herumschlagen, der bis in die höchsten Kreise der Stadt hineinreicht. Und sehr weit in die Vergangenheit. Als Leser wissen wir mehr als der Kommissar, denn wir sind im ersten Teil Zeuge des Verbrechens, welches das zweite Verbrechen in der Gegenwart nach sich zieht. Es dauert eine Weile, bis Bichlmaier die Zusammenhänge erkennt, denn dies ist kein rasanter, reißerischer Kriminalroman sondern eher einer, der nachdenklichen, leisen Sorte, zudem sehr gut recherchiert. Man kann sich sofort in das Regensburg des Jahres 1948 hineinfinden, in die Probleme und die Denkungsweise der damaligen Zeit.
Gut gelungen finde ich auch die Personenwechsel innerhalb einer Phrase, vor allem, wenn es sich um den oder die Unbekannte/n handelt. Das gibt dem ganzen einen sehr geheimnisvollen, manchmal auch unheimlichen Touch.
Sehr froh bin ich in diesem Fall auch über das Nachwort des Autors! Wer dazu neigt, Nachworte zu ignorieren, in diesem Fall ist es unbedingt empfehlenswert, es zu lesen. (Und zwar wirklich erst am Schluß, lieber Leser! Sonst verderbt ihr Euch ein wenig die Spannung!) Was die moralische Frage angeht, die sich der Autor zum Ende hin stellt, hier ist meine Antwort: Ja, das darf man. Es ist menschlich.

Ein wunderbares Buch, welches ich bestimmt noch einmal lesen werde, auch wenn ich jetzt weiß, wer der Täter ist. Es lässt nicht so schnell los und die leisen Zwischentöne lohnen eine zweite Betrachtung.

Ich danke dem Gmeiner Verlag herzlich für dieses Rezensionsexemplar 🙂

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Noch mehr Buchmesse-Fotos

Da ich noch so viele schöne Buchmessebilder habe, jetzt auch mal welche mit meiner Wenigkeit drauf, hab ich entschieden, euch die auch zu zeigen, ohne viel Kommentar dazu. Also, hier sind sie:

(c) Demipress Ich bin dabei! Mit blauem Schal....
Vielen Dank an Demipress, daß das verräterische Gähnfoto nicht dabei war ;)!
Wer ist einer meiner Lieblingsautoren? Naaaa?

Autor Andreas Föhr bei Droemer-Knaur

Beim Interview am Messestand


Mein Lieblingstitel vom Ulmer-Verlag

@buchkolumne @krimimimi33 und @literaturcafé beim Twittagessen, noch ohne Haekelschwein 😉

(c) Demipress Sucht mich! 🙂 mit @carstentergast, dem Rücken von @steffenmeier und neben mir @peterhellinger

Wow, was für ein Blau über dem Lesezelt!

Geschäftstermine nach draussen 🙂

ganz schön kompliziert, so zu knipsen, daß gerade niemand durchlatscht!

ins gespräch vertieft mit @buchkolumne (c) werliestwannwo

sebastian fitzek auf dem blauen sofa (c) werliestwannwo

DAS starfoto! Peter Hellinger und ich (c) Doreen für Ich mach was mit Büchern

So, das war´s von mir, da sind meine schönsten Bilder. Viel Spass beim gucken!

Mein Buchmesse-Freitag (08.10.10)

Um 0.15h weckte mich gleichmässiges quietschen. Oh nein, das verdammte Hamsterrad! Arthur (das ist der Hamster!), ich muß mitten in der Nacht aufstehen, sei leise, flehte ich. Vergebens, und weil ich nicht aufstehen wollte, um das Rad zu ölen, einfach Tür zu und weitergeschlafen!

‚Um Punkt 6.00 fuhr der Zug los Richtung Frankfurt. Das Haekelschwein schnüffelte in meiner Reiselektüre und bewachte mein Frühstücks-Croissant:

Um kurz nach 10h der erste Besuch am Messestand des Karin-Fischer-Verlages zu einem netten Plausch mit Frau Römgens und einem ersten Mineralwasser. Die Hallen waren, wie immer, viiiiel zu warm!
Dann weiter zum Droemer-Knaur-Stand, Patricia Keßler Hallo sagen, die unter @Knaurverlag twittert, und aufklären, daß ich nicht @krimimimi33 bin sondern @marypoppins2608.

dies ist ein suchbild! wer findet andrea koßmanns neuen roman? tipp: er ist seeehr gelb 🙂

Übrigens, genau so ein Regal will ich bitte sofort in meinem Wohnzimmer haben, ja?! Ich stöberte natürlich und entdeckte gleich „P.S. Ich töte Dich“, was umgehend auf meinem Wunschzettel landen wird! Schon allein die Aufmachung wie ein Moleskine ist TOLL! Das Haekelschwein bewies keine starken Nerven, wie hier zu sehen:
Während ich noch mit Frau Keßler plauderte, daß ich gerne ein sign. Buch von Sebastian Fitzek hätte, welches ich im Dezember bei meiner Krimi-Rate-Lesung verlosen kann, tauchte ein sehr großer Herr neben uns auf, dessen Gesicht mir irgendwie bekannt vorkam: Andreas Föhr, Autor des Buches „Schafkopf“, welches mir sehr gefallen hat. Auch mit ihm konnte ich mich ein wenig unterhalten und feststellen, er ist wirklich SEHR nett! Ich drückte dem verduzten Autor nämlich das Haekelschwein in die Hand, samt kurzer Haekelschweingeschichte: das Schweinchen ist ein Twitter-Gag, ohne Sinn und Funktion, einfach ein kultiges Wollvieh ;). Und HIER kommt das Beweisfoto:

das haekelschwein mit seinem promi-autor andreas föhr. 😉
Vielen Dank, Herr Föhr, daß Sie den kleinen Spass mitgemacht haben!

Beim anschliessenden Interview von Andreas Föhr erblickte ich eine junge Frau in einem grünen Rolli mit roten Rädern. Das wird doch nicht @lachgas sein? Doch, sie war es! Also schon gleich einen meiner Tweeties erkannt, sehr schön! Langsam wurde es Zeit, mich mal nach draussen zu begeben. Erstens war mein Nikotinspiegel bedenklich gesunken, zweitens brauchte ich dringend frische Luft und drittens musste ich ja mal den Hot-Dog-Stand suchen, wo das Buchmesse-Twittagessen stattfinden sollte.

bilderbuchwetter

Nach kurzer Suche fand ich den Treffpunkt und mich zwischen all den netten Leuten wieder, mit denen ich schon so viele interessante und nette Tweets getauscht habe. Toll, endlich die Gesichter hinter den Twitternamen zu kennen! Nachdem ich Karla (@Buchkolumne) von Lovelybooks verraten hatte, wer ich bin, wurde ich erstmal sehr begeistert geknuddelt 🙂 @PeterHellinger war da, @SteffenMeier von Ulmer Verlag, @krimimimi33, @carstentergast, die tolle @sinnundverstand, die sehr begeistert über meine Küchenkostproben war (hoffentlich auch noch NACH dem probieren!), @miadonna und, und, und….. so viele tolle Buchmenschen! Nachdem rauskam, daß ich ein Haekelschwein mithatte, großes Gejohle: „Nein, ein Häkelschwein! Kann man überhaupt twittern OHNE Häkelschwein?!“
@buchkolumne, @krimimimi33 und...??? mit haekelschwein
Es war super, Euch alle persönlich kennenzulernen! Besonders einen terminverplanten Steffen Meier, der am 18. nun doch nicht in Göttingen ist aber versprochen hat, mal vorbeizukommen 🙂
Das Wetter war so toll, daß ich mich entschloss, eine Veranstaltung sausen zu lassen (ich habe geschwänzt, jawohl!) und draussen zu bleiben, wie hunderte Andere auch.
mittagsimpressionen
mittagsimpressionen

Der nächste Termin war dann bei BoD Books on Demand. Jetzt weiß ich es GANZ GENAU, liebe Buch-Onliner: auch PRIVATE Buchblogger können Rezensionsexemplare anfordern, nicht nur die reguläre Presse! Also, auf was wartet ihr? 😉 Übrigens, bei BoD gibt es einen wahnsinnig leckeren Cappucchino:
koffeinnachschub bei BoD

Auf dem Weg zu einem Highlight des Tages noch schnell ein Autogramm von Kai Meyer abgestaubt:

Nun zum Highlight, der Krönung der Miss Bookfair und des Mister Bookfair 2010! Eine unglaubliche Aktion, wenn man bedenkt, daß sie aus einem beiläufigen Tweet entstand: „Man könnte ja vielleicht….“ Man konnte!

hier wird @DonBrandy gekrönt
hier wird @donbrandy gekrönt

bewegende dankesworte des Mister Bookfair 2010
bewegende dankesworte des mister bookfair 2010

schwer wiegt die miss bookfair 2010 - würde auf @sinnundverstand, da rutscht was 😉

begeisterte worte der neu gekrönten miss bookfair 2010

Ich habe noch soooo viele Fotos aber nicht mehr viel zu erzählen, der Rest ist eher Arbeit. Ja, ehrlich, wir ARBEITEN da auch, auf der Buchmesse 🙂 Es war toll, es war wunderbar, es war schön, euch alle zu treffen und kennen zu lernen! Und auch wenn meine Füße heute noch jaulen: Nächstes Jahr in Jeru… ach nee… FRANKFURT!

gute nacht, sagt das haekelschwein

P.S. Inzwischen hat man mich aufgeklärt: der Herr mit den „???“ auf dem Foto ist @literaturcafé Wolfgang Tischer. Ohne die Tasse vorm Gesicht schwer zu erkennen, tut mir leid 😉

Mal was in eigener Sache

Vor einigen Tagen habe ich das erste Mal einen Follower auf Twitter aus persönlichen Gründen geblockt. Ich habe einige Tage hin und her überlegt, ob ich dazu jetzt noch was sagen soll oder nicht, schliesslich fahren meine Emotionen ohnehin gerade ein bisschen Achterbahn. Entgeisterung über die Vorgänge in Stuttgart und gleichzeitig viel vorfreudiger Buchmesse-Vorbereitungsstreß. Und natürlich, ob es sich überhaupt lohnt, darüber was zu sagen.

Es geht um meinen Beitrag „So langsam hab ich die Schnauze RICHTIG voll“. Ich bekam über TWITTER die Rückmeldung, dieser Beitrag wäre „undifferenziert“ weil ich versäumt hätte anzubringen, es würden ja Miete, Heizkosten und Krankenkasse für Hartz-IV-Bezieher bezahlt.

Also, erstens: wer lesen kann, ist klar im Vorteil, in diesem Beitrag geht es NICHT um Geld.

Zweitens : meine Kommentarfunktion ist OFFEN für jeden, der sich konstruktiv äußern möchte. Beleidigungen kann ich jederzeit löschen. Dieses Problem hatte ich bisher aber noch nie, darum kann sich gerne jeder äußern. Natürlich kann es sein, daß man dann auf heftige Kritik stößt, auch von den anderen Lesern. Das umgeht man natürlich, wenn man sich nur über Twitter äußert.

Das Spielchen ging noch zweimal Hin und Her mit dem Ergebnis, daß ich, um Ruhe zu haben, einfach zugab, okay, ich bin eine „undifferenzierte, bildzeitungsnachplappernde Pseudo-Intellektuelle“, ob es damit nun gut wäre. Antwort: Nö. Gut, dann nicht. Gott sei Dank hat Twitter eine Sperrfunktion, denn auf Kindergarten-Niveau wird da schon so viel gezwitschert, muß ich nicht mitmachen.

Übrigens: ich war in meinem ganzen Leben noch nie Pro-CDU, bestenfalls neutral. Ich hab sie eben einfach nicht gewählt. Inzwischen sieht das anders aus, inzwischen bin ich EINDEUTIG ein Gegner:

Gedanken über Stuttgart

Vor einigen Jahren war ich im Sommer mal in Stuttgart. Ich habe die Staatsgalerie besucht, bin mit einem Freund durch die Stadt spaziert und essen gegangen (u.a. im Turm des Bahnhofs) und fand die Stadt alles in allem sehr hübsch, auch den Schloßpark.
Diese Einleitung soll klarmachen, ich bin keine Stuttgarterin und bis vor ein paar Tagen habe ich auch die Sache mit dem Stuttgarter Bahnhof nur oberflächlich verfolgt. Okay, die wollen den alten Bahnhof abreissen und was mordernes hinstellen. Dafür müssen einige Bäume weg und dagegen demonstrieren halt ein paar Baum-Ökos. Alles schon mal dagewesen und nichts weltbewegendes. Dachte ich.
Inzwischen weiß ich:
Der Bahnhof war (ist) denkmalgeschützt.
Die Bäume waren fast dreihundert Jahre alt und ein Geschenk des Königs von Baden-Württemberg.
Das Projekt S21 wird schon seit 10 Jahren geplant.

Seit Donnerstag nachmittag saß ich bis Freitag morgen fast ohne Pause am Rechner, recherchierte, las Meldungen, sah mir Berichte und Fotos an, verfolgte die Twitter-Timeline zum Hashtag #s21. Letzteres war fast unmöglich, im Sekundentakt überschlugen sich die Tweets.
Was genau in Stuttgart passiert ist, muß ich hier nicht noch einmal beschreiben. Ich glaube, es gibt kaum noch einen Menschen in diesen Tagen, der das nicht weiß. Ich denke mehr über das „warum“ nach. Und was es aussagt über unser Land, unser Politik(er)verständnis und über das, was man glauben darf und was nicht.

Zuerst einmal habe ich schnell bemerkt, so wunderbar Twitter als schnelles Verbreitungsmedium ist, so einfach ist es auch, gezielt Falschinformationen zu streuen. Es gibt einige Accounts, bei denen das sehr schnell klar wurde, also: nicht sofort alles glauben, eine gesicherte Stellungnahme abwarten! (Zum Beispiel über den Tod eines Demonstranten: erst war es ein 14jähriger Junge, dann ein Mädchen, dann eine ältere Frau.) Es nutzt wirklich niemandem, diese aufgeputschte Situation mit gezielten Hetzmeldungen noch mehr aufzuheizen. Das Gleiche gilt übrigens auch dafür, die Stuttgarter Vorfälle mit dem Platz des Himmlischen Friedens oder Guantanamo gleichzusetzen. Das ist einfach nicht korrekt, auch wenn es schlimm ist!

Über Twitter kommen aber auch Fragen. Zum Beispiel: Ihr wisst seit 10 Jahren, daß der Bahnhof weg soll, warum demonstriert ihr erst jetzt?
Es gab Unterschriftensammlungen, Petitionen usw. Und was hätte man denn sonst noch früher unternehmen sollen? Sich acht Jahre lang an Bäume ketten und auf den Tag X warten?

Die öffentl. rechtliche Presse hatte auf dem Schloßparkgelände keinen Zutritt. Inzwischen ist mir auch klar, warum nicht. Es käme am Abendbrottisch nicht so gut, die Bilder sehen zu müssen, die jetzt im Internet stehen, die Videos bei youtube. War die Baden-Württembergische Landesregierung so naiv zu glauben, sie könnten friedliche Demonstranten und Schüler verprügeln, ohne daß es jemand merkt??? Und sie WAREN friedlich, sind es immer noch! Es gibt bisher EIN EINZIGES Foto, auf dem ein Demonstrant einen Stuhl wirft. Allerdings ist weit und breit niemand in der Nähe, der getroffen werden könnte. Weder Mann, Frau, Kind, Baum oder gar Ordnungshüter. Dieses eine Bild soll die Gewaltbereitschaft der Demonstranten belegen und steht einsam gegen hunderte von Bildern massivster, unangebrachter Polizeigewalt!
Dazu habe ich seit Stunden noch eine ganz andere Frage: die „deeskalierend wirkenden“ Herren in Schwarz waren so gut wie alle vermummt. Dieses Outfit soll einerseits den Träger vor Verletzungen schützen, andererseits aber auch seine Identität. Nur einer zeigte sehr offen sein Gesicht: schwarzes, schwer bewaffnetes Outfit, keine Kopfbehaarung sichtbar. Es macht irgendwie den Eindruck, als WOLLTE er erkannt werden. Auf FB gibt es eine Seite über ihn, die einem Steckbrief ähnelt: Wer kennt ihn? Finde ich keine gute Aktion, nebenbei bemerkt. Ausserdem, DAS Gesicht kennt doch jeder in Deutschland inzwischen! Hat er doch selbst schon für gesorgt…. Ich frage mich die ganze Zeit über, warum? Selbst ohne eine deutliche Kennzeichnung ist es sehr einfach, diesen Mann zu identifizieren. WENN es zugelassen wird. WENN er sich nämlich sicher sein kann, daß sein Handeln abgesegnet ist, wird er geschützt, selbst wenn JEDER weiß, wer er ist.
Und ich frage mich, wie ein Herr Rech und ein Herr Mappus angesichts der Bilder und Videos, die inzwischen JEDER gesehen hat, in den Medien immer noch so atemberaubend lügen können?

Was ich mich allerdings jetzt nicht mehr frage ist folgendes:
Sparpaket? Wann reicht es den Bürgern?
Hartz IV? Wann reicht es den Bürgern?
Energiekostenschraube? Wann reicht es den Bürgern?
Atomlüge? Wann reicht es den Bürgern?
Gesundheitspolitik, Sozialabbau, Datensammlung?
JETZT! JETZT reicht es! Es geht schon lange nicht mehr „nur“ um einen Bahnhof und Bäume. Wer das denkt, hat etwas elementares nicht verstanden. Es geht darum, daß der Bogen von unserer Regierung inzwischen dermassen überspannt ist, daß der Stuttgarter Bahnhof zum Symbol für alles steht, was den Bürgern jetzt reicht!

Text Sei wachsam (Reinhard Mey)

Ein Wahlplakat zerrissen auf dem nassen Rasen,
Sie grinsen mich an, die alten aufgeweichten Phrasen,
Die Gesichter von auf jugendlich gemachten Greisen,
Die Dir das Mittelalter als den Fortschritt anpreisen.
Und ich denk’ mir, jeder Schritt zu dem verheiß’nen Glück
Ist ein Schritt nach ewig gestern, ein Schritt zurück.
Wie sie das Volk zu Besonnenheit und Opfern ermahnen,
Sie nennen es das Volk, aber sie meinen Untertanen.
All das Leimen, das Schleimen ist nicht länger zu ertragen,
Wenn du erst lernst zu übersetzen, was sie wirklich sagen:
Der Minister nimmt flüsternd den Bischof beim Arm:
Halt du sie dumm, – ich halt’ sie arm!

Sei wachsam,
Präg’ dir die Worte ein!
Sei wachsam,
Fall nicht auf sie rein!Paß auf, daß du deine Freiheit nutzt,
Die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt!
Sei wachsam,
Merk’ dir die Gesichter gut!
Sei wachsam,
Bewahr dir deinen Mut.
Sei wachsam
Und sei auf der Hut!

Du machst das Fernsehen an, sie jammern nach guten, alten Werten.
Ihre guten, alten Werte sind fast immer die verkehrten.
Und die, die da so vorlaut in der Talk-Runde strampeln,
Sind es, die auf allen Werten mit Füßen rumtrampeln:
Der Medienmogul und der Zeitungszar,
Die schlimmsten Böcke als Gärtner, na wunderbar!
Sie rufen nach dem Kruzifix, nach Brauchtum und guten Sitten,
Doch ihre Botschaft ist nichts als Arsch und Titten.
Verrohung, Verdummung, Gewalt sind die Gebote,
Ihre Götter sind Auflage und Einschaltquote.
Sie biegen die Wahrheit und verdrehen das Recht:
So viel gute alte Werte, echt, da wird mir echt schlecht!

Sei wachsam,
Präg’ dir die Worte ein!
Sei wachsam,
Fall nicht auf sie rein!Paß auf, daß du deine Freiheit nutzt,
Die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt!
Sei wachsam,
Merk’ dir die Gesichter gut!
Sei wachsam,
Bewahr dir deinen Mut.
Sei wachsam
Und sei auf der Hut!

Es ist ‘ne Riesenkonjunktur für Rattenfänger,
Für Trittbrettfahrer und Schmiergeldempfänger,
‘ne Zeit für Selbstbediener und Geschäftemacher,
Scheinheiligkeit, Geheuchel und Postengeschacher.
Und die sind alle hochgeachtet und sehr anerkannt,
Und nach den schlimmsten werden Straßen und Flugplätze benannt.
Man packt den Hühnerdieb, den Waffenschieber läßt man laufen,
Kein Pfeifchen Gras, aber ‘ne ganze Giftgasfabrik kannst du kaufen.
Verseuch’ die Luft, verstrahl’ das Land, mach ungestraft den größten Schaden,
Nur laß dich nicht erwischen bei Sitzblockaden!
Man packt den Grünfried, doch das Umweltschwein genießt Vertrau’n,
Und die Polizei muß immer auf die Falschen drauf hau’n.

Sei wachsam,
Präg’ dir die Worte ein!
Sei wachsam,
Fall nicht auf sie rein!Paß auf, daß du deine Freiheit nutzt,
Die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt!

Sei wachsam,
Merk’ dir die Gesichter gut!
Sei wachsam,
Bewahr dir deinen Mut.
Sei wachsam
Und sei auf der Hut!

Wir ha’m ein Grundgesetz, das soll den Rechtsstaat garantieren.
Was hilft’s, wenn sie nach Lust und Laune dran manipulieren,
Die Scharfmacher, die immer von der Friedensmission quasseln
Und unterm Tisch schon emsig mit dem Säbel rasseln?
Der alte Glanz in ihren Augen beim großen Zapfenstreich,
Abteilung kehrt, im Gleichschritt marsch, ein Lied und heim ins Reich!
„Nie wieder soll von diesem Land Gewalt ausgehen!“
„Wir müssen Flagge zeigen, dürfen nicht beiseite stehen!“
„Rein humanitär natürlich und ganz ohne Blutvergießen!“
„Kampfeinsätze sind jetzt nicht mehr so ganz auszuschließen.“
Sie zieh’n uns immer tiefer rein, Stück für Stück,
Und seit heute früh um fünf Uhr schießen wir wieder zurück!

Sei wachsam,
Präg’ dir die Worte ein!
Sei wachsam,
Fall nicht auf sie rein!Paß auf, daß du deine Freiheit nutzt,
Die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt!
Sei wachsam,
Merk’ dir die Gesichter gut!
Sei wachsam,
Bewahr dir deinen Mut.
Sei wachsam
Und sei auf der Hut!

Ich hab’ Sehnsucht nach Leuten, die mich nicht betrügen,
Die mir nicht mit jeder Festrede die Hucke voll lügen,
Und verschon’ mich mit den falschen Ehrlichen,
Die falschen Ehrlichen, die wahren Gefährlichen!
Ich hab’ Sehnsucht nach einem Stück Wahrhaftigkeit,
Nach ‘nem bißchen Rückgrat in dieser verkrümmten Zeit.
Doch sag die Wahrheit und du hast bald nichts mehr zu lachen,
Sie wer’n dich ruinier’n, exekutier’n und mundtot machen,
Erpressen, bestechen, versuchen, dich zu kaufen.
Wenn du die Wahrheit sagst, laß draußen den Motor laufen,
Dann sag sie laut und schnell, denn das Sprichwort lehrt:
Wer die Wahrheit sagt, braucht ein verdammt schnelles Pferd.

Sei wachsam,
Präg’ dir die Worte ein!
Sei wachsam,
Fall nicht auf sie rein!Paß auf, daß du deine Freiheit nutzt,
Die Freiheit nutzt sich ab, wenn du sie nicht nutzt!
Sei wachsam,
Merk’ dir die Gesichter gut!
Sei wachsam,
Bewahr dir deinen Mut.
Sei wachsam
Und sei auf der Hut!