Anti-AfD-Demo in Northeim

Da muß es erst eine AfD in Deutschland geben, damit ich im zarten Alter von nunmehr 52 Jahren zur ersten politischen Demo meines Lebens gehe. Aber ich kann doch nicht zum Beispiel auf FB und in meinen Artikeln ständig gegen dieses braune „Volk“ anschreiben und dann kommt ausgerechnet Björn (ja, ich weiiiiiß, er heißt Bernd 😉 ) Höcke nach Northeim! Da kann ich doch nicht zu Hause auf meinem Hintern sitzen bleiben! Vor allem, wo Northeim seit Jahren versucht, diese Pest loszuwerden und sogar versucht hat, die Satzung der Stadthalle zu ändern, um derlei Versammlungen zu verhindern.
Also dem Aufruf gefolgt und bei schönstem Wetter nach Northeim gefahren. Ich habe ja einige Reden Höckes auf Video gesehen und der Typ hat mich bis ins Mark erschreckt. Er klang tatsächlich wie Goebbels darin und ich empfand diesen kreischenden, sich überschlagenden Fanatismus immer als gefährlich. All die anderen Hanseln ja eher als dumm und lächerlich. Höckes völkische Ansichten sind zwar auch reichlich dumm und von vorgestern, aber seine Art, sie rüberzubringen, ist es nicht. Und ich war neugierig. Was für Menschen gehen da hin, um sich das anzuhören? Und wer demonstriert dagegen?


Die Polizeipräsenz war dem Anlass angemessen. Ich war noch nie so nah zwischen Polizisten in voller Kampfmontur und die sind – beeindruckend. Allerdings war alles friedlich und die waren durchaus auch beinahe nett. Der Platz war gut gewählt, denn er ist mit kleinen Mäuerchen umgeben, die automatisch schon eine Umgrenzung bilden. Da mich der Weg bis da hin schon übel geschafft hatte, hab ich mich auf so ein Mäuerchen gesetzt. Prompt kam ein Ordnungshüter und meinte, ich könnte ja mein Demonstrationsrecht auch hinter der Mauer stehend ausüben. Ich hielt ihm meinen Schwerbehindertenausweis unter die Nase und erklärte, daß das leider nicht möglich wäre, tut mir leid – und ich durfte sitzen bleiben. Bitte, geht doch. Leute, die sich auf die Mauer stellten, haben sie zwar runtergescheucht aber sitzen war dann okay.

Was mir auffiel, die Afd-Ordner liefen tatsächlich am inneren Ring entlang und haben uns Demonstranten fotografiert. Gut, die bekamen einen freundlichen Mittelfinger und ich fotografierte dann zurück, wie viele andere auch. Gefiel ihnen nicht so…
Was ich von den AfD-Zuhörern gesehen habe, war in gewisser Weise schockierend. Es waren fast nur alte Leute, viele in Trachtenklamotten. Und wenn ich „alt“ sage, meine ich eine Generation, die den letzten Krieg zumindest als Kinder noch erlebt hatten, also Menschen, die es besser wissen müssten! Die Demonstrantenseite war bunt gemischt, quer durch alle Altersgruppen und Schichten war alles vertreten. Und wir waren laut, SEHR laut! Der einzige der AfD-Redner, der zumindest versucht hat, uns zu beleidigen, war Andreas Kalbitz. Höcke selbst schwang zwar die üblichen Hetzreden, eskalierte allerdings nicht in bewährter Manier. Vermutlich hat ihm Papa Gauleiter einen Maulkorb verpasst… Interessant war, daß er anfing, gegen Politikwissenschaftler zu wettern, gegen die EU, klar, und rumtönte, das Militär müsse finanziell aufgepolstert werden. Schon den nächsten Krieg vorbereiten, ne? Im Übrigen wolle „das Volk“ (welches?) keine weiteren Moslems und überhaupt, die Milliardenmillionen Flüchtlinge…. Blablablasülz…..Ich hörte übrigens keinen Applaus. Kann allerdings daran gelegen haben, daß unsere Trillerpfeifen so laut waren.
Gefreut hat mich sehr, daß viele Kapitän Schwandt auf meinem Shirt erkannt haben und mich auch viele danach fragten, wer das ist. Da habe ich doch sehr gern Auskunft erteilt!
Mein Fazit ist: es ist eine Sache, auf FB und in Artikeln gegen die Neuen Nazis zu schreiben, aber die andere Sache ist, es ist gut zu sehen, wie viele Menschen auch dagegen auf die Strasse gehen, laut sind und ihre Meinung vertreten. Ich hoffe, sie tun das am Sonntag auch alle in der Wahlkabine!

Bunt und laut!
Regenbogenflagge gegen Blau-Braun
Nee, die Frau gehört mit mindesten vier Kindern hintern Herd. Auch nicht verhandelbar!
Advertisements

Liberté, Egalité – Fuckafdé!

Seit Tagen fühle ich mich, als hätte man mir auf den Kopf geschlagen. Genauer, seit die geleakten Textauszüge einer AfD-Whatsappgruppe offen im Netz stehen. Mein gesamtes bisheriges Leben habe ich immer gesagt, daß man Nazis bekämpfen muß und ich das natürlich auch tun würde. Mit welchen Mitteln, darüber habe ich damals als Teenager nicht nachgedacht, aber irgendwie auf jeden Fall. Und das nicht nur, weil man als Teenager ja grundsätzlich immer „dagegen“ ist, sondern aus tiefster Überzeugung. Später, als ich ein kleines Kind hatte, relativierte ich das ein wenig. Ich wäre immer noch dagegen gewesen, aber vermutlich nicht ganz so laut oder so offen, weil es ja nicht mehr nur um mich ging. Feige? Vielleicht. Aber was kann mein Kind für meine Überzeugungen? Und jetzt? Jetzt muß ich erneut umdenken.

Eine Frage habe ich mir immer und immer wieder gestellt: Warum haben sich all die jüdischen Menschen so widerstandslos abführen lassen? Es gab auch dort Widerstand, ja, aber hätte er nicht größer sein müssen? Ich kam zu dem Schluß, daß die Menschen es einfach nicht geglaubt haben, nicht glauben konnten. Und als sie es begriffen, war es viel zu spät.

Und heute? Heute schreibt irgend so ein AfD-Arschloch völlig selbstverständlich diesen Satz: „ Wenn wir an die Macht kommen, müssen alle wieder ins Gas, die nicht unserer Meinung sind.“
Ganz lapidar.

Dieser eine Satz demaskiert einfach alles. Er demaskiert die komplette „Flüchtlingsdiskussion“ als lächerlichen Vorwand. Er demaskiert die angebliche Sorge um das Volk, als das sie sich so gerne sehen. Er demaskiert jedes angebliche Ziel dieser „Partei“. Es geht nicht um „Die (Flüchtlinge) gegen uns (Deutsche)“, es geht längst um „Wir (Nazis) gegen alle anderen“. Zugegeben, das klingt jetzt ein bisschen nach einem größenwahnsinnigen Weltherrschafts-Verschwörungs-Aluhut, aber wenn man sich diesen Satz so anguckt, dann eben doch nur noch ein bisschen. Im Klartext sieht es doch so aus: Eine Minderheit behauptet, „das Volk“ zu sein und will jeden töten, der das in Abrede stellt. Eine unerwünschte Minderheit will die Mehrheit des Volkes vergasen, dessen Wohl ihnen ja so am Herzen liegt. Spätestens jetzt sollte auch dem allerletzten Zweifler klar sein, daß denen das Wohl irgendeines Volkes total am Arsch vorbeigeht!

Es mag gut sein, daß die Menschen früher nicht glauben konnten, daß andere Menschen so abgrundtief böse sein können. Den Luxus dieses Unglaubens haben wir heute nicht mehr. Wir wissen genau, sie können es und sie werden es tun, wenn sie die Gelegenheit dazu haben! In vielen Diskussionen fällt der Satz „Eine Demokratie muß auch sowas aushalten können.“ Inzwischen frage ich mich aber, wie weit eine solch demokratische Toleranz gehen kann, wenn sie sich dadurch selbst aushöhlt. Die Aussage, alle Gegner ins Gas zu schicken, klingt für mich nach geplantem Massenmord und wenn eine Demokratie dabei zusieht, was ist sie dann? Immer und immer wieder habe ich gelesen, diskutiert mit den Leuten von der AfD, grenzt sie nicht aus, überzeugt sie vom richtigen (nicht rechten!) Weg. Nach diesem Satz werde ich darüber sehr ausgiebig nachdenken. In meinem ganzen Leben habe ich noch niemals einen Gegenstand erhoben, kein Stöckchen, keinen Stein, keine Torte, um ihn nach irgendwem zu werfen. Ich hoffe, daß ich das auch weiterhin nicht tun muß.

Erster Besuch einer re:publica, ein kritischer Blick

Das war sie also nun, meine erste republica, Europas größte Medienkonferenz. Und ich muß sagen, ein bisschen enttäuscht bin ich schon. Ich hätte ganz entschieden ein wenig mehr Renitenz erwartet, ein wenig mehr Aktivismus, ein wenig mehr Widerstand. Vielleicht war ich als Newbie ja grundsätzlich auf den falschen Sessions, aber gerade bei den Themen Hatespeech und Trolling, die doch immer wichtiger werden, war ich geradezu fassungslos über die Naivität, mit der darüber gesprochen wurde. Immerhin habe ich gelernt, daß Twittertrolle anders sind als Facebooktrolle. Den Begriff „Sifftwitter“ habe ich vorher noch nie gehört, wie der überwiegende Teil der Zuhörer auch nicht, konnte also mit den Mechanismen nicht viel anfangen. Allerdings auch nicht mit dem abschliessenden Rat: Trolle nicht blocken (das bestätigt die nur und sie machen ne Jubelparty, so ungefähr) sondern ignorieren. Ich benutze Twitter seit zehn Jahren, zum Blödsinn machen, manchmal zum lästern oder auch für Kunst, beteilige mich an Projekten wie der #Twitterolympiade, aber durchaus auch beruflich. Wenn mich da jemand trollt, wird er blockiert und es ist mir herzlich egal, ob dieser Spasstroll dann seine Genugtuung hat, mich „geärgert“ zu haben. Hat er vermutlich nicht mal, weil ich ihn innerhalb von 30 Sekunden vergesse.
Anders sieht es für mich da schon bei den Facebooktrollen aus, die durchaus sehr politisch motiviert sind und deren Hatespeech vom „right wing“ ja gerne mal in sehr konkreten Androhungen physischer Gewalt bis hin zu Morddrohungen gipfelt. Auch die sollen auf keinen Fall ausgegrenzt oder ignoriert werden, wir müssen uns denen Face to Face stellen und mit ihnen diskutieren. Tatsächlich? Schon mal versucht, mit jemandem zu diskutieren, der nur auswendig gelernte Phrasen runterleiert und wenn ihm keine weiteren Argumente (fremde oder eigene) mehr einfallen, mit Vergewaltigung droht? Alternative Fakten, Lügenpresse, Beschimpfungen und Drohungen – und die einzige Reaktion soll sein: diskutiert mit denen! Kann man machen, bringt aber nicht wirklich was. Und für die High Society der Netzaktivisten ist mir das alles zu weichgespült und zu angepasst. Natürlich kann die Lösung nicht sein, zurückzudrohen. Dann hätten wir bald einen Krieg im Netz, der stellenweise ja sogar schon da ist. Ein wenig mehr Gegenwehr hätte ich aber doch erwartet.
Allerdings hörte ich vereinzelt von Leuten, die regälmässig auf dieser Veranstaltung sind, daß ihnen genau das auch auffiele und die Stimmung gänzlich anders wäre als sonst. Und wenn man all die tollen Plakate gesehen hat, die von den Plakatmalern fabriziert wurden, dann GAB es diese kritischen Stimmen ja. Warum waren die auf keiner Stage?! Thomas de Maizière erzählt allen Ernstes , er sähe keinen Grund für digitale Grundrechte, die wären ja im Grundgesetz schon da – und niemand meckert? Also doch, ja, es gibt jetzt diesen niedlichen Hashtag #thomasdämlichsehr, aber ich meine sowas wie Tumult im Zuhörerraum. Nicht mal ein ganz kleiner?!
Vielleicht geht es uns allen zu gut? Ich bekam am ersten Tag noch die letzten Keywords der Begrüßung mit, in denen es darum ging, denen eine Stimme zu geben, denen man sie wegnehmen will, also Menschen, die in einer Diktatur leben, für die Pressefreiheit ein schönes Märchen ist, die verfolgt und eingesperrt werden, wenn sie systemkritisch schreiben. Oder einfach nur die Wahrheit. Das sind richtige Probleme. Auch das neue Datensicherheitsgesetz ist wichtig, schliesslich erlaubt es, Nutzerdaten ausführlicher zu überwachen als ohnehin schon. Also, ich finde, es gibt und gäbe wirklich genug Gründe, etwas mehr Aktionismus zu zeigen.
Und zu guter Letzt: Wo bitte war die Kultur? Die hat nicht nur Wibke Ladwig gefehlt, sondern auch mir.
DSCI0544

Trotzdem war es aber auch schön und interessant. Ich traf nach langer Zeit Wibke wieder, leider viiiiel zu kurz, Frauke Watson, die ich völlig überrumpelte mit einem Fotoshooting unter den Mottobuchstaben, begegnete Raul Krauthausen, dessen Arbeit und Engagement für Menschen mit Behinderung ich sehr schätze, machte mit Doro Martin ein Interview für ihre Storytelling-App oolipo.de – und brachte einen Androiden durcheinander (das hat spass gemacht 😉 ).
Wenn das Projekt „Kulturflauschattacke“ von Wibke Form annimmt, wäre ich gerne dabei, dann komme ich auch gerne nochmal wieder – zur re:publica 18

DSCI0540

Nicht noch einmal

Wir sahen sie.
Damals.
In Büchern und Filmen.
Nicht Märchen und Hollywood, nein,
in Geschichtsbüchern und Dokumentationen.
Wir sahen sie.
Ausgehungert bis zum Skelett,
Augen riesig, voller Schmerz,
Angst und Leere,
Knochenhaufen, Leichenberge.
Rosa Dreiecke. Gelbe Sterne.
Und wir weinten.

Wir sahen ihn.
Den SS-Mann,
der abends nach Hause kam
aus dem KZ
und seine Kinder umarmte
und ihnen eine Geschichte vorlas.
Im Schein einer Lampe
mit gelblichem Schirm.
Wir sahen sie.
Die Nummer.
Am unteren Rand der Lampe,
blaß, grünlich, unscharf.
Und wir weinten.

Wir sehen sie.
Bösartige, giftige Trolle,
auferstandene Spukgestalten.
Die nie mehr sagen können:
„Wir haben es nicht gewußt!“
Doch. Sie wissen genau, was sie tun,
wenn sie Menschen bedrohen,
ihnen den Tod wünschen,
die Menschenverachtung vor sich hertragen
und sich selbst Mensch nennen.
Wir sehen sie.
Die „Wir sind ja keine Nazis, aber…“-Sager,
die bürgerlich-mittigen Brandstifter,
denen man vor allem Angst machen kann.
Und wir weinen nicht.
Nicht noch einmal!

(c) Regina Neumann

Eigentlich…. Einige Gedanken über das Zeitgeschehen

Eigentlich will ich das jetzt gar nicht schreiben. Eigentlich will ich gerade ganz was anderes machen und habe eigentlich auch was anderes zu tun. Und eigentlich will ich diesem ganzen rechten Hass-Hetz- und Beschimpfungswahnsinn gar keine Plattform bieten. Aber…. Ja natürlich gibt es ein Aber. Ich werde hier jetzt mit Sicherheit keine Lösungen präsentieren, ich schreibe einfach auf, was mir seit einiger Zeit durch den Kopf geht. Und das nicht erst, seit ich diesen anonymen Wisch bekommen habe.

Das ist schon der erste Punkt, den ich nicht verstehe: Diese „Besorgtbürger“ glauben sich im Recht. Mit dem, was sie sagen, tun und auch schreiben. Warum tun sie das dann anonym zum Teufel?! Da muß doch noch so ein kleines Rädchen Gewissen ticken, das flüstert: „Ey, du weißt, daß das eigentlich falsch ist, was du da gerade machst, oder?“ Denn Angst davor, bedroht und angegriffen zu werden, müssen sie ja nicht haben, wir „Gutmenschen“ werfen doch höchstens mit Teddybären.

Zweiter Punkt: Diese umgedrehten, sinnverzerrenden Bezeichnungen. Die natürlich absolut bewußt kalkuliert erschaffen und eingesetzt werden. Man bedient sich der Sprache, um ein nicht existentes Feindbild aufzubauen. Warum merken das so wenige??? Ein besorgter Bürger war früher jemand, der beim Gemeindeamt anrief um zu melden, daß irgendwo ein tollwütiger Hund frei rumläuft. Schlimmstenfalls ein Nörgler, der jeden Falschparker meldete. Nervig aber harmlos. Heute ist es eine Bezeichnung für eine Gruppe von Leuten, die fremdenfeindliche Ansichten vertreten und sich permanent als Opfer fühlen, obwohl sie noch nie ein Opfer von irgendwas waren. Schon gar nicht von Verfolgung oder gar Krieg.
Ich bin nach der NS-Zeit geboren und aufgewachsen, wurde aber in der Schule jahrelang mit dem Thema überschüttet (wenn man in Berlin zur Schule ging, gab es im Geschichtsunterricht fast kein anderes Thema). Natürlich stellte ich die üblichen Fragen: Wie konnte so etwas passieren? Wie war das möglich? Waren die Menschen damals dumm? Nun, JETZT sehe ich, wie so etwas möglich sein konnte. Es geschieht gerade wieder und ich verstehe es nicht. Ich verstehe zur Zeit sehr vieles nicht mehr. Zum Beispiel verstehe ich Politiker nicht, die sagen: „Wir müssen die Sorgen der Bürger ernst nehmen.“ – und damit diese Besorgtbürger meinen! Nicht etwa Leute wie mich, die sich Sorgen darüber machen, in eine Diktatur zu schlittern.

Nächstes Thema: Meinung! Die arme Meinungsfreiheit wird in diesen Tagen ja so oft bemüht, daß sie mir fast leid tut. Vor allem wird sie mißbraucht, mit Füßen getreten und in den Dreck geschubst.
Da wird gedroht, beschimpft, gepöbelt auf übelste Weise, es wird zu Gewalt aufgerufen – und alles im Namen der Meinungsfreiheit. Gerade die Rechten befleissigen sich ja gerne darin, das Grundgesetz zu zitieren, wenn sie rumpöbeln: „Ich bin der Meinung, du bist ein Arschloch. Und ich darf das sagen, weil es Meinungsfreiheit gibt, so!“ Natürlich überlesen sie regelmässig den nächsten Artikel, in dem klar drinsteht: deine Freiheit hört da auf, wo die eines anderen anfängt.

Ich werde ja nun so bei „linksgrünversifft“ einsortiert, womit ich nichts anfangen kann. Ich wollte mich politisch nie irgendwo verorten lassen (ausser Rechts, da war ich nie!) und werde nun zwangsläufig in die linke Ecke gestellt, nur, weil ich gegen Rechts bin. Ein Terrorist ist für mich jemand, der Bomben bastelt und Menschen umbringt, für irgendeine bekloppte politische Gesinnung egal welcher Färbung. Ich bin in RAF-Zeiten groß geworden. Die haben Politiker entführt und ermordet und waren Links. Jetzt bekomme ich einen anonymen Wisch, in dem von „linkem Gutmenschen-Terror“ geschwafelt wird! Ach ja, asozial auch noch. Was denn nun? Entweder asozial oder Gutmensch, beides zusammen geht nicht. Es ist einfach lächerlich!

Vor einigen Wochen las ich einen Artikel von einer Autorenkollegin. Sie schrieb, sie hätte keine Lust mehr zu schreiben, sie wüßte nicht, für wen. Die Gesellschaft würde sich auf eine Weise verändern, die nur noch häßlich wäre und sie wolle nicht, daß solch häßliche Menschen ihre Geschichten läsen, für eine solche Gesellschaft wolle sie nicht schreiben. Das hat mich tief betroffen gemacht und geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Einerseits macht mich eine solche Aussage traurig, ein wenig kann ich sie sogar verstehen. Schliesslich ist jeder künstlerische Prozeß mit Herzblut verbunden – und wer kippt sein Herzblut schon freiwillig in einen Schweinetrog? Andererseits, nicht alles ist häßlich. Es gibt trotzdem so viel Gutes und Schönes. Menschen, die helfen, Menschen, die aufstehen und dagegenhalten. Und die müssen irgendwo ihre Kraft herbekommen. Aus einem schönen Song, einem Bild, einer schönen Geschichte. In dem Augenblick, wenn ich ein fertiges Buch in die Welt hinauslasse, habe ich keine Macht mehr darüber. Ich kann ja auch nicht verhindern, wenn ein Leser mein Buch nach der Halbzeit in die Mülltonne schmeisst, weil er es blöd findet. Einem anderen verändert es vielleicht sein Leben. Das weiß ich alles nicht. Eines weiß ich aber:

Aufgeben ist niemals eine Option!

15935610_1846494222285994_1314041241_n

Wir ängstigen uns ins Chaos

Die letzten Tage waren anstrengend. Emotional anstrengend. Es knallte an allen Ecken und Enden, beinahe täglich. Nizza, München, Reutlingen, Göttingen, Würzburg, es gab viele Tote und Verletzte. Das ist schlimm und es ist traurig, es ist bedauernswert für alle Opfer und Hinterbliebenen. Aber: sowas hat es auch früher schon gegeben. Der einzige Unterschied dazu ist, früher wurde nicht aus allem und jedem ein Terroranschlag gemacht. Ein Eifersuchtsdrama war ein Eifersuchtsdrama, ein eskalierender Streit war eben genau das und ein geistig verwirrter Amokläufer war kein Terrorist sondern ein geistig verwirrter Mensch.
Irgendwie hat man den Eindruck, die Menschen heute haben den Blick für die Relation vollkommen verloren. Das ist dasselbe Phänomen wie mit dem Wetter. Im Winter ist es kalt und es fallen zehn Schneeflocken, schon brüllt es aus der Zeitung „WINTERCHAOS!“ Im Sommer hat es drei Tage lang mal dreissig Grad und es heisst „MÖRDERHITZE! SCHON 20 TOTE!“ Bei extremen Wetterlagen sind schon immer vermehrt Menschen gestorben, Alte, Kranke, Schwache. Das ist vollkommen normal. Wann hat das eigentlich angefangen, aus wirklich jeder Nachricht eine Sensation machen zu müssen? Chaos, Terror, Amokläufe – und das täglich. Das schlimmste daran ist, es wird sich, im Zeitalter von Social Media, bereits darin überboten, wer am lautesten schreit, bevor überhaupt Fakten bekannt sind! Und genau das bringt mich jetzt auf das eigentliche Thema dieses Beitrags: Angst.

Angst ist die Generalentschuldigung für alles dieser Tage. Angst vor „der Flüchtlingsschwemme“. Angst vor angeblichen Vergewaltigungen durch Asylsuchende. Angst vor allem unbekannten. Angst vor dem eigenen Schatten und vor Courage. Ich lese andauernd von diesen „verängstigten Bürgern“ und frage mich, wovor zum Teufel haben die denn eigentlich Angst? Menschen, die zu Hause sitzen, weil sie ein Zuhause HABEN, die täglich was zu Essen auf dem Tisch haben, eine lebendige Familie um sich, die jede Nacht ruhig schlafen können, weil sie niemand nachts aus ihren Betten zerrt und an eine Wand stellt – wovor haben die Angst?! Sie haben „Angst“ davor, daß ihnen ihr Job weggenommen wird (von Flüchtlingen, die gar nicht arbeiten dürfen!), sie haben „Angst“ davor, daß sie weniger Geld bekommen könnten und auf einmal nichts mehr zu Essen haben, weil man ihnen das einredet und sie es glauben. Das ist keine Angst, das ist Neid und Mißgunst. Und warum kann man diesen Menschen solche Dinge einreden, warum kann man so vielen überhaupt „Angst“ machen? Weil sie die einfachsten Grundprinzipien, wie ein Staat funktioniert, entweder nie gelernt oder nicht begriffen haben. Da werden einfach mal unbewiesene Behauptungen aufgestellt, zum Beispiel Dieses und Jenes wird mit UNSEREN Steuergeldern bezahlt und alle regen sich auf. Es wird keine Sekunde hinterfragt, ob Dieses oder Jenes per Gesetz überhaupt mit Steuergeldern finanziert werden darf! Es wird einfach mal geglaubt. Und sich lauthals aufgeregt.
Ein anderes Beispiel für diese eskalierende Übertreibung überall war folgender Post, den ich irgendwo las: Da war von „marodierenden FlüchtlingsHORDEN“ die Rede, die harmlose Bürger angriffen. Der Begriff „marodierend“ fiel mehrfach, offensichtlich wollte da jemand mit Fremdwortkenntnissen glänzen, ohne die Bedeutung zu kennen. Marodieren bedeutet, daß jemand am Rand von Kampfhandlungen (also eines Krieges) raubt, erpresst, vergewaltigt und mordet. Meist ist ein sog. Marodeur ein Deserteur. Mir ist nicht bekannt, daß sich Deutschland in einem Krieg befindet, schon gar nicht auf deutschem Boden. Sowas ist für mich ein typisches Beispiel. Alles wird maßlos übertrieben und überspitzt. Würde man mal für einige Minuten innehalten und nachdenken, käme man vermutlich von selbst darauf, daß das ziemlicher Quatsch ist.

Was macht man denn aber nun mit seinen „Ängsten“, was erzählt man so einem „ängstlichen Bürger“? Angst per se ist ja nicht rational. Einem kleinen Kind kann man täglich erzählen, daß keine Monster unter dem Bett sind, letztendlich muß es diesen Kampf mit sich allein ausmachen und die Monster besiegen. Ihr seid aber keine kleinen Kinder! Ihr habt die Möglichkeit, euch zu bilden, zu überzeugen! Geht raus, erweitert euren Horizont. Denkt mal nicht nur an euren Teller sondern auch an den anderer. Wenn ihr nicht in einem Flüchtlingsheim helfen wollt, okay, dann helft der deutschen Obdachlosenhilfe! Allein, sich um andere Menschen zu sorgen erweitert den Horizont und schafft ein Gemeinschaftsgefühl. Verantwortung für andere zu übernehmen tut nicht weh kostet weder euer Geld noch eure Würde. Im Gegenteil, es könnte sein, daß ihr stolz nach Hause geht, weil ihr merkt, ihr habt was tolles geleistet. Glaubt nicht alles blind, was man euch vorsetzt. Lest Bücher, bildet euch eine eigene Meinung. Nur wer selber denken kann, ist in der Lage zu entscheiden, wovor man wirklich Angst haben muß. In der Türkei wurden gerade an die 1000 Schulen und 15 Universitäten geschlossen. Warum wohl? Weil man ein dummes Volk viel besser manipulieren kann – und zwar mit Angst!

Wenn ihr in einen Zug steigt oder in ein Einkaufszentrum geht KÖNNTE es passieren, daß da auf einmal einer wild um sich schießt. Richtig. Es KÖNNTE aber auch nichts passieren, wie in den meisten Tagen des Jahres. Es könnte genau so passieren, daß euch ein LKW-Fahrer erwischt, der wegen Übermüdung hinterm Steuer eingeschlafen ist. Wenn es ein deutscher Fahrer ist, zählt es als Unfall, bei einem syrischen als Terroranschlag? Doch wohl kaum.

Habe ich Angst? Ja, manchmal. Ich habe Angst davor, daß es bestimmte Parteien schaffen könnten, hier etwas zu sagen zu haben. Ich habe Angst davor, daß eine Masse Menschen im Gleichschritt hier die Hauptstrasse hochkommen und „Wir sind das Volk“ brüllen. Und ich habe Angst davor, bei geschlossenen Grenzen hier mit denen eingesperrt zu sein. Lassen wir es bitte nicht so weit kommen.

Alles empathieloses Pack oder: Euer Betroffenheits-Gedöns kotzt mich an!

Früher gab es Nachrichten. Einmal am Abend, die Tagesschau. Und dann gab es noch die Tageszeitungen. Man bekam Meldungen über ein Attentat irgendwo auf der Welt oder eine Entführung. Eigentlich sehr viele Entführungen, in den 70ern, manche gingen gut aus, manche nicht. Man dachte wahrscheinlich, oh, das ist schlimm, natürlich, aber irgendwie auch weit weg.

Heute ist das anders. Dank Social Media, Twitter und Facebook, ist man quasi live dabei. Vor allem Twitter. Das ist einerseits großartig, weil man quasi in Echtzeit erlebt, was passiert, sich Helfer via Hashtags in Sekunden vernetzen und dadurch eine unglaubliche Effizienz erreichen können. Andererseits kann genau das auch unglaublich belastend sein und ist es auch. Also, nicht die Hilfsangebote selbstverständlich, sondern das Live-Dabeisein. Beispiel? Als während der Attentate in Paris aus dem Club die Hilferufe getwittert wurden: „Oh Gott, die erschiessen uns! Schickt die Polizei hier rein!“

Du sitzt zu Hause an Deinem Rechner und bist machtlos. Ohnmächtig. Total hilflos. Du wirst mit Emotionen überflutet, sehr massiv und absolut nicht schön. Kaum einer wird sich schulterzuckend abwenden. Und genau darum wird es jetzt gehen: Emotionen. Meine. So ganz langsam bekomme ich nämlich „einen Hals“, wie man so schön sagt. Auslöser war ein Tweet zum letzten Bombenanschlag auf einem Spielplatz in Lahore. Da schrieb jemand sinngemäß, es würde ja kaum jemand hier reagieren, weil Lahore ist ja weit weg und nicht Brüssel (Brüssel war einen Tag vorher.).Woraufhin ich schrieb, vielleicht sind die Menschen langsam einfach emotional überfordert und natürlich prompt von der Seite angemault wurde:“Würdest Du das auch sagen, wenn es morgen vor unserer Tür passiert?!“

Ja, verdammt nochmal, würde ich! Trauer, echte Betroffenheit, sind Gefühle, die auf Dauer ANSTRENGEND sind. Wenn sie tatsächlich empfunden werden und nicht nur durch das wechseln der Landesfarben auf dem Avatar ausgedrückt werden. So langsam habe ich das Gefühl, wir befinden uns in einem Betroffenheits-Wettbewerb: Guck mal, ich trauere schneller (und damit besser!) als DU!

Am besten, wir basteln uns so einen Random-Wechsler der häufigsten Terroropfer-Landesfarben und lassen den algorhythmisch laufen, passt dann schon, irgendwie. Ja habt ihr sie noch alle?

Ich soll bitte

  • die Medien kritisch hinterfragen
  • TTIP und Ceta Scheiße finden
  • gegen Monsanto protestieren
  • die GEZ boykottieren
  • die AfD bekämpfen
  • gegen Rassismus argumentieren
  • mich ökobiologisch, makro-vegan, regengewässert ernähren
  • und Fleisch ist sowieso DAS Böse schlechthin.

Mache ich ja alles, aber darf ich bitte zwischendurch auch noch Mensch sein? Essen was ich will? Schlafen? Ein Leben haben? Ja? Danke! Unsere Ansichten sind doch schon längst nicht mehr wirklich unsere eigenen, jedenfalls nicht alle. Wir können uns doch unsere täglichen Aufreger inzwischen aussuchen wie einen Pullover aus dem Schrank, wogegen sind wir denn heute?! Also nehme ich mir, verdammt nochmal, das Recht heraus, wenigstens zu entscheiden, zu welcher Katastrophe des Tages ich evtl. was sage und zu welcher nicht und diesen öffentlichen Betroffenheits-Scheiß nicht mehr mitzumachen. Wenn ihr nämlich ehrlich wärt, würdet ihr zugeben, daß man gar nicht WIRKLICH um jedes Opfer trauern KANN. Ihr hättet nämlich keine Kraft mehr für euer eigenes Leben, also hört mit der Heuchelei einfach auf.

Dieser Post wird mich vermutlich einige Follower kosten, ich konnte noch nie gut die Schnauze halten. Aber wie sagte meine Oma schon immer: Reisende soll man nicht aufhalten.