Tell me a Story – Part of the virtual Artwork by Meilo Minotaur in Second Life

I ran, I ran
and came into a dark valley.
There were black clouds,
black clouds of black birds.

I ran, I ran
to the Village of Souls.
But the guard wouldn’t let me in.
then I still had my soul.
I thought.

I ran, I ran
and met the Dark Fairy.
She wanted to give me a heart
but
I still had my heart.
I thought. 

I ran, I ran
and saw a dark procession.
At the top of which I saw:
Me.
Without soul, without heart.

 

So I’ll stay here,
Part of the whole one.

Ich lief, ich lief
und kam in ein dunkles Tal.
Schwarze Wolken gab es,
schwarze Wolken aus schwarzen Vögeln.

Ich lief, ich lief
zum Dorf der Seelen.
Aber der Wächter ließ mich nicht ein
denn
ich hatte ja meine Seele noch.
Dachte ich.

Ich lief, ich lief
und traf die dunkle Fee.
Die wollte mir ein Herz geben
aber
ich hatte ja mein Herz noch.
Dachte ich.

Ich lief, ich lief
und sah eine dunkle Prozession.
An deren Spitze sah ich:
Mich.
Ohne Seele, ohne Herz.

So bleibe ich nun hier,
Teil des Ganzen.
(c) Regina Ichimomo

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Premieren-Nachschlag zur „Weißen Schlange“

Es war wirklich ein denkwürdiger Abend, der 12. Dezember 2017. „Die weiße Schlange“ hatte Premiere, zeitgleich parallel in zwei Theatern, einmal in Second Life und einmal im Theater am Olgaeck in Stuttgart.

Ich gebe zu, ich habe Blut und Wasser geschwitzt und hatte in den letzten Nächten davor die wildesten Alpträume. Einmal rannte ich als ganz reale Person über meine virtuelle Bühne und fand nicht mehr raus…. fragt nicht! Geschwitzt habe ich auch nicht etwa wegen der Schauspieler, die waren alle super! Allen voran Heide und Hartmut, die vor drei Monaten noch nicht mal wußten, was Second Life überhaupt ist. Sie lernten in Rekordzeit, wie man sich virtuell bewegt, sich hinsetzt, sich umzieht und läuft. Wer sich selbst in SL bewegt weiß, daß sprechen da beinahe die einfachste Übung ist. Ein extra dickes Dankeschön für diese Mühe, ihr wart klasse!
Nein, geschwitzt habe ich wegen der Technik – und zwar nicht zu knapp. Erstens macht SL gerade Dienstags überall Rollbacks und schraubt an den Servern rum, was die unterschiedlichsten Probleme verursachen kann. Natürlich schlug der SL-Oni auch zu, aber gnädig immerhin. Ein Oni ist so eine Art japanischer Pumuckl, ein kleiner, nervender Poltergeist, der eben stört. Ich guckte nicht schlecht, als die weiße Schlange auf einmal ins Foyer geschleudert wurde und dann durch den Mittelgang auf die Bühne zuschlängelte! War so nicht eingeübt, nein! Genau so wenig war geplant, daß ich auf meinem Platz quasi einfror und mich nicht mehr bewegen konnte – anstatt mich schwer gescholten von der Bühne zu schleichen. Aber gut, damit muß man leben. Ein anderes Problem war die Technik im realen Theater selbst. Zwei Laptops, 7 Meter Kabel, Mischpult, haben wir Rückkopplungen? Und vor allem: hält die Verbindung? Sie hielt!

Rolf Samurai Högemann

Es waren aufregende sechs Monate, in denen sehr viel Arbeit gesteckt hat und auch sehr viel Zeit. Sowas kann man nicht alleine stemmen, da gibt es viele Helfer, sichtbare und weniger sichtbare. Darum kommt jetzt auch eine Dankeshymne! Zuallererst mal an Nelly Eichhorn vom Theater am Olgaeck, die mir sehr großzügig ihr Theater für dieses Experiment zur Verfügung gestellt hat. Denn es war ein Experiment, so wurde das vorher noch nie gemacht.
Dann an Rolf Högemann/Rubeus Helgerud, der auch life im Kimono durchaus imposant daherkommt und als Erzähler und Schauspieler gleich drei Personen seine Stimme lieh.
Via Headset vom realen Stuttgart verbunden mit Kyoto SL

Meine Wenigkeit beantwortet Fragen vom Stuttgarter Lifepublikum

An Lampithaler für unendlich viel Filmmaterial neben ihren beiden Rollen. Hier könnt ihr schon mal einen Blick auf die Rohfassung werfen:Rohfassung Die endgültige Fassung kommt in den nächsten Tagen!
An Werner, der den Roady machte und den Hauptsprecher beruhigt hat und an Bernd Bihlmaier für die Realbilder aus dem Theater.

Mein Adrenalinspiegel nimmt langsam wieder Normallevel an. Für dieses Jahr ist nun erstmal Schluß, ich werde mich mit Tee, Plätzchen und Büchern auf mein Sofa zurückziehen und schlafen. Marathonschlaf. Komaschlaf. Dornröschenschlaf. Egal, stellt euch den tiefsten und längsten Schlaf vor und multipliziert den mit Bären-Winterschlaf, das passt 🙂

Premierenankündigung: Die weiße Schlange – im Theater am Olgaeck Stuttgart

Sechs Monate Planung, Programmierung, Proben – die drei großen P – sind vorbei und nun ist es bald soweit: in zehn Tagen ist Premiere in Stuttgart! Mein japanisches Märchen „Die weiße Schlange“ kommt auf die Bühne des Theaters am Olgaeck mit freundlicher Unterstützung der Intendantin Nelly Eichhorn und des Schauspielers Rolf Högemann. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, WIE aufgeregt ich bin!

In Second Life (SL) Theater zu spielen ist um einiges anders als in der Realität. Im realen Theater müssen Schauspieler ihren Text auswendig können und mit Mimik und Gestik arbeiten. Das fällt in SL zwar weg und man könnte jetzt denken: „Ach, das ist ja einfach. Die brauchen den Text nur ablesen? Das kann ja jeder!“ Glaubt mir, das ist es nicht. Eben weil ein Avatar nur eine begrenzte Mimik und Gestik zur Verfügung hat, müssen alle Emotionen über die Stimme transportiert werden, ohne überzogen zu klingen.

Wenn man auf einer realen Bühne an einer Stelle nicht gut vorbei kommt, schiebt man den Stuhl eben weg. In SL hilft das manchmal gar nichts und man muß mit einigen Tricks arbeiten, um an Hindernissen vorbei zu kommen, die man unter Umständen nicht mal sieht. Die „Bühnentechnik“ muß per Hand gesteuert werden genau so, wie die Avatare. Die Kamerasteuerung ist nicht einfach, besonders auf einer engen Bühne kann es vorkommen, daß man einfach nicht mehr sieht, wohin man läuft. All das haben wir in den letzten sechs Monaten geprobt, ausprobiert, immer wieder hier was geändert und da was verschoben – JETZT ist es perfekt! Wer also in Stuttgart ist (oder Zugang zu Second Life hat natürlich!) ist herzlich eingeladen, einer sehr ungewöhnlichen, spannenden Vorstellung beizuwohnen, wir freuen uns auf viele reale UND virtuelle Zuschauer!

Besetzung:

Sprecher Rolf Högemann
Shigekazu/Die weiße Schlange Rolf Högemann
Brautvater Rolf Högemann

Brautmutter Heide Frirdich
Takara Heide Frirdich

Reiko Lampithaler
Sarana Lampithaler

Mamiko Regina Neumann

Der Arzt Hartmut Frirdich

Text und Regie Regina Neumann
Kulissen Regina Neumann
Regieassistenz Rolf Högemann
Technik Rolf Högemann
Film und Video Lampithaler

TERMIN
12.12.2017 um 20.00 Uhr
Theater am Olgaeck

mit diesem Link landet ihr direkt im Foyer des Kaburenjo in SL:
http://maps.secondlife.com/secondlife/Kyoto/194/215/32

Weiterführende Links:
Rolf Högemann

Lampithaler

Heimat die ich meine….

Seit einiger Zeit denke ich über den in letzter Zeit arg strapazierten Begriff „Heimat“ nach. Und während ich das mache und hier darüber schreibe, habe ich arabische Musik im Player, die ich sehr mag. Was ist denn Heimat, für mich, und warum wird um diesen Begriff so ein Gedöns veranstaltet? Vor allem bei denen, die diesen Blut-Boden-Heimat-Ehre-Kult betreiben?

Zuallererst einmal: Meine Mutter wurde am 13. August in Frankfurt/Oder geboren. Hätte sie sich nicht dafür entschieden, ihren Geburtstag in Berlin zu feiern, und zwar in einem Teil der Stadt, der in dieser Nacht urplötzlich dann West-Berlin hieß, wäre ich heute ein „Ossi“ und kein „Wessi“. Sicher wäre mein Leben dann ganz anders verlaufen, aber darum geht es gar nicht. Es war Zufall. Ganz und gar Zufall. Ich hatte mal einen Arbeitskollegen, der wurde in einem Flugzeug geboren – über Papua-Neuguinea. War es mein Verdienst, im Westen geboren worden zu sein? Nein, es war ganz einfach Zufall. Wie kann ich also so stolz auf ein Stück Land sein, auf dem ich mehr oder weniger aus Versehen aufschlug? Den Gedankengang kann man jetzt beliebig ausweiten auf Deutschland, Europa, etc. Im Pass meines Arbeitskollegen stand tatsächlich Papua-Neuguinea drin, weil er in diesem Luftraum geboren wurde. Das Land hat er nie betreten. Worauf hätte er „Nationalstolz“ aufbauen sollen? Reihe 5, Economy Class, Fensterplatz? Beinahe jedes moderne Land dieser Welt gründet heute darauf, die ursprünglichen Bewohner in blutigen Kriegen entweder vertrieben oder gleich ganz ausgerottet zu haben. Vermutlich reichen solche Überlegungen schon völlig aus, mich bei einigen Kameraden unter „Volksfahrräder“ einzusortieren. Ja, na und?
Ich habe einiges von dieser Welt gesehen, von Afrika bis Skandinavien, und ich spreche mehrere Sprachen. Nicht alle perfekt, aber so, daß ich rumkomme. Und wenn man die Sprache eines Landes lernt, lernt man immer auch die dazugehörige Kultur. Beides gehört zusammen, es sind nicht nur Worte, die einen Satz bilden. Man kann Jahre an einem Ort zubringen, ohne sich jemals heimisch zu fühlen. Und andersrum kann man irgendwo aufschlagen und ist sofort „zu Hause“. Das ist ein vollkommen subjektives Gefühl.
In gewisser Weise kann ich das in früheren Zeiten verstehen, in denen die Vereinnahmung und Verteidigung von Land gleichbedeutend war mit dem Überleben des Stammes. Derjenige, an dessen Platz die Quelle entsprang, hatte nun mal die besseren Karten. Aber heutzutage? Heute hat jeder seine privaten Quellen in Küche und Bad, nennt sich Wasserhahn. Woher kommt diese Arroganz, seinen Stolz auf etwas, wofür man selbst keinen Finger gerührt hat, für besser und wichtiger zu halten, als den anderer Leute? Und das geht ja durch Generationen. Der aberwitzige Ausspruch eines rückwärtsgewandten Herren mit Dackelkrawatte zum Beispiel, wieder stolz auf die „Leistungen“ der Soldaten zweier Weltkriege zu sein. Warum sollte ICH darauf stolz sein? War es meine „Leistung“ (Gott sei Dank nicht!!!)? Es war nicht mal mehr seine! Menschen können mit ihren Gedanken, ihren Worten, ihren Händen wundervolle Dinge schaffen. Die Alhambra, die Neunte Symphonie, die Mona Lisa, den Kleinen Prinzen, einen Bären oder Machinima – aber nein, wir sollen darauf stolz sein, das Menschen auf übelste, brutalste Weise andere Menschen abgeschlachtet haben. Mit den Händen, die stattdessen vielleicht einen „David“ hätten schaffen können. Oder einen bequemen Rollstuhl. Oder, oder, oder….
Heimat kann überall sein, wo man sich wohlfühlt. Wo es nette, aufgeschlossene, gastfreundliche Menschen gibt. Stolz kann man auf Dinge sein, die man geschafft hat. Egal, wie klein oder groß sie sind und, vollkommen egal WO man sie geschafft hat. Diese Pseudonutzung des Wortes Heimat kommt mir immer mehr so vor, als nutzten ihn nur Menschen, die sich nirgends wohlfühlen. Nicht mal in sich selbst.

Installation von ChapTer Kronfeld 2012

Solitaire – Erotische Fotografie in Second Life


Erotik und Kunst sind schon immer Hand in Hand gegangen. Sei es in der Malerei, Skulptur, Musik oder Fotografie. Klassisch oder auch digitalisiert. Im Rahmen des „Festival of Culture 2017 SL Amsterdam“ startete heute die Ausstellung „Art and Aesthetics of Erotic“ in der ich mit einigen Bildern ebenfalls vertreten bin.
Als Lyrikerin ist die Erotik ohnehin ein wichtiges Thema für mich, aber gerade in der fotografischen Darstellung in der virtuellen Welt von Second Life reizte mich das Thema besonders, weil es immer wieder heißt, Avatare könnten kaum Emotion transportieren. Mit meinen Bildern möchte ich einerseits zeigen, daß das durchaus möglich ist und andererseits ein Thema angreifen, das noch immer mit einem Tabu behaftet ist: Der Selbstliebe. Sie wird bestenfalls als Ersatz toleriert, wenn man halt keinen Partner hat und stiefmütterlich-verschämt behandelt. Selten als das, was sie auch sein kann und sollte: Selbstzweck. Eine Möglichkeit, sich selbst kennen zu lernen, sich auszuloten, sehr phantasie- und lustvoll. Hier kann ich aus verständlichen Gründen nur einige der „braven“ Bilder zeigen. Wer mehr sehen möchte, hat dazu noch bis zum 05.10. die Gelegenheit und zwar hier: http://maps.secondlife.com/secondlife/Amsterdam%202/201/159/25

Nachtgarten

Ich beschreite den Garten
in der Nacht,
schwer die Luft, voll Süße,
wie eine Erinnerung
an Dich.

Du besuchst mich
im Garten,
umfängst mich, hältst mich,
drehst mich und
biegst mich
und wir fallen
lachend ins Gras.

Wir rollen herum
wie Kinder
und Deine Augen sind
wie die Sterne
über mir, die
mitten in meine Seele
fallen.

Ich halte Dich
in meinen Armen,
bedecke Dein Gesicht
mit Küssen,
wünschte mir
die Zeit aus Glas.

Aber sie zerfliesst,
rinnt mir durch die Finger,
so wie Du.
Verweht wie
Morgennebel
und ich
liege im Nachtgarten
meines Herzens
allein.

© Regina Neumann

Neuigkeiten zum Theaterprojekt – Regina goes virtual real ;)

In den letzten Monaten hat es eine Menge Arbeit hinter den Kulissen gegeben und das wird auch in den nächsten Wochen noch so weitergehen, aber heute darf ich endlich offiziell verraten, was es mit dem Theaterprojekt auf sich hat und vor allem, wo es aufgeführt wird und wann.

Das Märchen „Die weisse Schlange“ ist im Japan der Heian-Zeit angesiedelt, dem Goldenen Zeitalter, der Blütezeit der Literatur, Kunst und Kultur. In diese Periode fällt zum Beispiel die Veröffentlichung des berühmten „Genji Monogatari“, welcher als erster psychologischer Roman der Literaturgeschichte gilt, im Jahre 1008. „Die weiße Schlange“ enthält Elemente des klassischen Märchens, der Fabel und auch Anklänge an den Shintoismus. Die Tochter eines Landadeligen soll den Sohn des Präfekten heiraten. Beide haben sich noch nie gesehen, die Ehe ist arrangiert. Plötzlich taucht im Brautgemach eine Schlange auf und zwingt der jungen Braut eine schwere Prüfung auf. Es wird ihr nicht erklärt, was geschehen wird, wenn sie versagt, aber auch nicht, wenn sie besteht. Es wird ihr keine Wahl gelassen. Mehr werde ich hier jetzt natürlich zum Inhalt auch nicht verraten 😉 .

Das klingt ja zunächst mal nicht sehr aufregend. Ein Märchen wird im Theater aufgeführt. Und doch ist es eine absolute Weltpremiere, weil es multimedial sein wird! Es wird nämlich zeitgleich in zwei Theatern aufgeführt. Und zwar befinden sich alle Schauspieler in Echtzeit live im japanischen Kaburenjo in Second Life und spielen dort vor einem internationalen Publikum. Diese Liveperformance wird, ebenso in Echtzeit, ins „Theater am Olgaeck“ in Stuttgart übertragen. Und dort befindet sich ganz real einer der Second Life-Akteure in Person auf der Bühne. Er ist also quasi zweimal anwesend und bildet so das Bindeglied zwischen virtuellem und realem Theater. So wird es auch möglich sein, daß die Schauspieler im Anschluß mit dem realen Publikum interagieren können und absolut deutlich wird, das Publikum sieht auf der Leinwand keine Aufzeichnung oder etwa einen Film. Ich weiß, das klingt jetzt erstmal alles etwas sehr kompliziert, ist es aber eigentlich nicht. Es ist experimentell und der Versuch, zwei Welten kreativ zu verbinden. Als Autorin und Virtual Artist bewege ich mich seit Jahren in beiden Welten und was liegt da näher, als sie einmal zusammen zu bringen und zu zeigen, was alles möglich ist? In Zeiten von Hatespeech, Fakenews, Cybermobbing und was es dergleichen noch mehr gibt, zu zeigen, man kann auch anderes mit dem Internet machen. Kultur schaffen, Kunst, Freude.
Seht es Euch einfach mal an. Auf dieser wunderschönen Sim steht das Theater, in dem wir in Second Life spielen werden: https://www.youtube.com/watch?v=J1VcY_OcomI

Und real sind wir hier: http://www.theateramolgaeck.de/ und zwar am 12.12. 2017 um 20.00 Uhr
Dazu gibt es natürlich zeitnah noch mehr Informationen.

Literatur, Toleranz und nochmal Gomringer

Die literarische Netzgemeinde hat es ja vermutlich mitbekommen: Die Streiterei um das wunderbare Gedicht „avenidas y flores“ von Eugen Gomringer. Kurze Zusammenfassung für alle anderen:
Ein Dichter schreibt ein Gedicht (in den frühen Fünfziger Jahren), das machen Dichter so, sie dichten. Im Jahr 2011 bekommt dieser Dichter den Poetikpreis einer Hochschule und stiftet „avenidas y flores“ als Dankeschön. Seitdem ziert es die Fassade eben jener Hochschule. Im Jahr 2017 nun entbrennt ein Streit darum, ob dieses Gedicht sexistisch und frauenfeindlich ist. Seitdem wird das nun diskutiert. Nora Gomringer, Tochter des Dichters, hat in einem wunderbaren Video sehr pointiert darauf geantwortet, mit einer eleganten Lehrstunde zum Thema „Konkrete Poesie“. Das findet man leicht auf ihrerFacebookseite .

Mich beschäftigt das Thema seitdem auch, natürlich. Als Lyrikerin und auch als Frau. Ich sag es gleich vorweg, vermutlich werde ich mir mit diesem Artikel keine Freundinnen machen.
Mir geht diese aggressive Gleichmacherei der Sprache so dermassen auf die Nerven! Ich hab eine Neuigkeit: es gibt MÄNNER auf dieser Welt und das ist gut so! Ja, manche sind Schweine, auch richtig, aber glaubt ihr wirklich, alle Frauen sind Engel?! Und glaubt ihr wirklich, ihr ändert irgendetwas, wenn ihr alles männliche aus der Sprache eliminiert und neutralisiert? Das ist auch eine Form von Unterdrückung, schon mal darüber nachgedacht?
Sprache ist in erster Linie mal ein Mittel der Kommunikation. Der kleinste gemeinsame Nenner, damit man einander überhaupt verstehen kann. Natürlich entwickelt sie sich, verändert sich, erweitert sich, Worte verschwinden und es kommen neue dazu, sehr spannend alles. Wenn wir aber anfangen, auf jede kleinste Befindlichkeit einzelner Gruppen Rücksicht zu nehmen, enden wir in Babylon. Weil sich dann jede Gruppe nur noch im eigenen Sprachraum bewegt und die anderen nicht mehr versteht. Und das ist eindeutig ein Rückschritt. Ich glaube kaum, daß Herr Gomringer damals, als er sein Gedicht schrieb, darüber nachdachte, daß es über 60 Jahre später irgendwelche Befindlichkeiten verletzen könnte. Was er bestimmt nie beabsichtigt hat.

Als Lyrikerin hasse ich nichts mehr, als meine Gedichte erklären zu müssen. Die schlimmste Frage nach einer Lesung lautet: „Wie ist das gemeint?“ Für einen Menschen, der mit Sprache „arbeitet“, ist sie mehr als bloße Kommunikation. Sie ist Spielplatz, Leinwand, Notenblatt, manchmal auch Schlachtfeld. Man kann ein Gedicht natürlich zerpflücken, auseinandernehmen und sezieren. Jeden Text. Man riskiert dabei zwar, daß er seinen Zauber verliert, aber vielleicht ist das manchmal gerade nötig. Im Nachhinein. So zweihundert Jahre später. Aber zu Lebzeiten des Autors? Ich würde ausrasten, wenn man mich bitten würde, ein Gedicht zu ÄNDERN, eine Zeile anzufügen oder etwas zu streichen. Muß ich heute schon, wenn ich zum Beispiel ein Gedicht über eine rauschende Liebesnacht verfasse, in dem ich meinen Geliebten geradezu anbete, davor Angst haben, in zehn Jahren dafür auf dem Scheiterhaufen des Feminismus zu stehen? Und das Gedicht dann besser gar nicht erst schreiben? Aber bestimmt nicht! Das wäre ja vorgedachte Zensur.
Noch viel schlimmer trifft dieser Sprachbegradigungswahn ja bereits verstorbene Autoren. Dazu zähle ich auch visuelle Anpassungen. Man denke nur an die schwachsinnige Debatte, den Pumukl schlanker zu zeichnen, weil dick… nääää, geht gar nich. Lindgrens Pippi redet von einem Negerkönig? Geht nicht, muß weg. Onkel Toms Hütte? Am besten gleich ganz einstampfen…. Ja um Himmels Willen, seid ihr noch bei Trost?! Ich empfehle ganz dringend etwas, das in diesen Tagen sowieso in aller Munde ist: ein wenig Toleranz.