Brief an meine tolle Tochter

Liebes Tochterkind,

seit fast einem Monat kümmerst Du Dich jetzt um mich, besorgst mir klaglos alles, was auf meinen Einkaufslisten steht, damit ich nicht vor die Tür muß.

Eigentlich darf ich das ja gar nicht laut sagen, wo sich so viele jetzt eingesperrt, einsam und unglücklich fühlen, aber ich bin hoffentlich keine all zu anstrengende Quarantänepatientin für Dich. Denn ich gehöre tatsächlich auch in eine Gruppe Menschen, die (jetzt!) keine materiellen Sorgen quälen und die diesen „verordneten“ Zustand des Alleinseins tatsächlich genießt. Ich habe mir mein Leben so ausgesucht, lebe meinen eigenen Rhythmus, niemand bedroht mich in meinen eigenen vier Wänden und ich empfinde eine sehr tiefe Ruhe mit mir selbst. Langweile kenne ich ohnehin nicht, ich konnte mich schon immer sehr gut mit mir alleine beschäftigen.

Natürlich bin ich auch mal fünf Minuten quengelig, weil das Wetter jetzt so schön ist und was ich jetzt schmerzlich vermisse, ist ein Balkon. Oder, auch mal wieder selbst einkaufen zu gehen, spontan zu entscheiden, daß ich doch lieber „das da“ hätte statt jenes, was auf dem Zettel steht. Und dann denkst Du Dir lustige Sachen aus, wie zum Beispiel, per Videochat einzukaufen. Selten habe ich mich über den Anblick von Supermarktregalen so gefreut!
Das einzige, was mich wirklich ziemlich nervt an der jetzigen Situation ist, daß ich Dir jetzt schon zur Last falle. Das ist ja etwas, das niemand will: einem anderen lästig und auf Hilfe angewiesen sein. Jedenfalls nicht, bevor er so mindestens fünfundachtzig Jahre alt ist… Das muß ICH jetzt lernen. Und weil ich das überhaupt nicht selbstverständlich finde, weil Du Dein eigenes Leben hast und arbeiten gehst und Dich mit sicherlich nervenden Kunden im Einzelhandel rumschlagen musst (heutzutage ja nicht nur im übertragenen Sinn, wenn man den Berichten glauben darf), schreibe ich Dir diesen Brief um Dir zu sagen, was für ein toller, großartiger Mensch Du bist. Ich weiß, wie sehr Du Dich auf Deinen ersten „richtigen“ Urlaub gefreut hast, so mit Flugreise und Hotel und Meer – und ich hoffe wirklich, der findet auch statt! Und wenn das alles vorbei ist, gehen wir zusammen Eis essen. Oder Waffeln. ODER Glühwein trinken 🙂

Wenn Du jetzt denkst, Deine Mutter wird aber übel sentimental auf ihre alten Quarantänetage, dann muß Dir das gar nicht peinlich sein. Es is ja wie´s is (wie eine nette Frau mit Bär immer sagt):

Du bist mein absolut einziges Lieblingskind!

Deine Mum

15-12-07_1218

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