Wonach der November riecht

Bei der Frage, wie oder wonach etwas riecht, kann die Antwort ja, wie bei den meisten Dingen, in zwei Richtungen gehen. Beim Thema riechen in Duft und Gestank.

Ich erinnere mich gut, daß der November meiner Kindheit extrem nach Abgasen stank. Der November war nicht nur grau von Nebel und Regen sondern auch von Smog. Es stank nach Dieselmotoren und wir husteten. Es war das Berlin der 70er und da gab es noch keine Feinstaubfilter.

Heute riecht mein November nach den letzten Laubfeuern, nach feuchten Blättern auf dem Bügersteig und nach Regen, manchmal auch nach nassem Pferd. Es riecht nach Kerzen und nach den ersten Plätzchen…. Nein, danach duftet es!

Der November riecht nach Sehnsucht, wenn ich an meinem Küchenfenster stehe und durch die Winterbäume die Autos auf der Straße nach Norden sehe, der Straße, auf der Du kämst, wenn Du noch könntest. Und schnell wende ich den Blick vom Fenster nach Norden, den Hauch des Sehnsuchtduftes in der Nase.

Der November riecht nach Weihnachtsmärkten, Bratäpfeln und Zimtmandeln, nach Bratwürstchen und nach Schnee. Und es mischt sich ein Gestank darunter. Ein anderer als in meiner Kindheit, es ist der Geruch nach Mißtrauen, Neid und Angst. Und dieser Geruch macht mich wütend. Es macht mich wütend, daß ich mich durch Absperrungen auf den Weihnachtsmarkt schlängeln muß, an schwerbewaffneten Polizisten vorbei, deren Maschinengewehre nach Waffenöl stinken. Es macht mich wütend, wenn ich Leute reden höre, daß das alles „wegen dieser Flüchtlinge“ nötig wäre und früher war das… Ich möchte denen ins Gesicht schreien, daß das eben nicht an den Flüchtlingen liegt sondern an einer giftigen, überängstlichen Minderheit, die es geschafft hat, einen ganzen Staatsapparat mit ihrer Hysterie anzustecken. Diese waffenstarrende Präsenz macht nicht, daß ich mich „sicherer“ fühle sondern nur sehr, sehr unwohl. Und vielleicht suche ich mir nur noch die winzigkleinen Märkte mit den handgestrickten Strümpfen und den selbstgekochten Marmeladen, die versteckt in den Kirchhöfen der Dörfer liegen und wo es nicht so durchdringend nach Angst mieft…

Der November duftet nach Kakao mit Baileys und nach den ersten Spekulatius, nach Acrylfarben und Pattex, nach Weihnachtstee und Orangen. Und dieses Jahr duftet er auch nach dem frisch bedruckten Papier vom Bärlender und das ist ganz wunderbar!  Das glättet die Wogen dann wieder.

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