Die Macht der unreflektierten Hysterie am Beispiel Eugen Gomringer

Es ist tatsächlich passiert: das schöne Gedicht „Avenidas“ von Eugen Gomringer kommt von der Wand. Ein ungeheuerlicher Vorgang. Indes nicht der einzige dieser Art in diesen Tagen. Wir erinnern uns bitte, daß vor kurzem erst eine Ausstellung in der Mensa der Göttinger Uni aus demselben Grund abgehängt wurde. Eine Hochschule und eine Universität üben schlicht Zensur aus. Und warum? Ich nenne das ganz einfach Hysterie. An einem Ort, der Bildung vermitteln soll, keine Engstirnigkeit. Für mich geht es hier in keinster Weise um ein falsches Frauenbild, um Frauenrechte oder Feminismus, auch nicht darum, was Kunst darf und was nicht. Es gibt andere literarische Vorlagen, die dem Sexismusvorwurf sehr viel gerechter werden als dieses unschuldige Gedicht. Muß ich das wirklich erklären? Na gut, bittesehr, in der deutschen Übersetzung:

Alleen
Alleen und Blumen

Blumen
Blumen und Frauen

Alleen
Alleen und Frauen

Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer

Es ist faktisch eine Aufzählung. Nichts weiter, nur eine Aufzählung ohne die geringste Wertung. Es ist nicht die Rede von „hübschen Frauen“ sondern nur von Frauen im Allgemeinen. Und der Bewunderer? Der könnte schwul sein und die Blumen bewundern. Oder hundert Jahre alt und damit jenseits aller aktiven Geilheit. Das wissen wir aber nicht, weil es nicht dasteht! Wie kommt irgendjemand darauf, in diesen Text eine „unangenehme Erinnerung an sexuelle Belästigung“ zu interpretieren? In diesem Text wird nicht einmal geflirtet. Kein Lächeln, kein flüchtiger Blick, geschweige denn eine Berührung. Gut, Interpretation bedeutet natürlich auch, zwischen den Zeilen zu lesen. Aber wenn man das tut, braucht es Kontext. Erstens den Kontext der Zeit. Das Gedicht entstand 1951, einer Zeit also, in der wir noch Welten von „Gendersprech“ entfernt waren. (Falls dieser Eindruck hier jetzt entsteht, JA, es nervt mich!) Frauen waren Frauen, Männer waren Männer, Punkt. Das bedeutet für mich nicht, daß alles gut war, wirklich nicht, aber man kann doch ein Gedicht nicht rückwirkend zensieren und vollkommen unreflektiert in die heutige Zeit katapultieren bitteschön. Zweitens bedarf es den Kontext der Methodik. Eugen Gomringer gilt als der Begründer der Konkreten Poesie. Konkret bedeutet direkt, ohne Schnörkel und Verklausulierungen. Blumen sind eben genau das: Blumen. Da gibt es eigentlich kaum Spielraum für Interpretation. Und jetzt?
Jetzt bleibt mir nur noch, fassungslos den Kopf zu schütteln. Wir reden hier über eine Hochschule. Einen Ort, an dem es zu erwarten ist, daß Texte verstanden werden. Und zwar auf einem anderen Niveau als dem der BZ. Eigentlich geht es aber gar nicht um ein Verständnisproblem. Es geht um eine unerträgliche Mimosenhaftigkeit in der Gesellschaft. Es geht darum, nicht mehr in der Lage zu sein, etwas einfach mal zu ertragen, was einem nicht gefällt. Ich persönlich mag Janosch nicht. Schon seit Kindertagen, seit der Illustrationen in meinem ersten Lesebuch. Sein Strich ist mir zu grob, einfach gesagt. Starte ich deswegen jetzt eine Anti-Tigerenten-Kampagne? Mimimi?! Nein. Und ich ziehe auch keine wahrhaft haarsträubende Erklärung an denselben her, um Zensur zu üben. Wäre ich Eugen Gomringer, ich wäre nicht nur sehr wütend sondern auch verletzt – und ich würde mein Werk NICHT erklären! Vielleicht drucke ich mir den Text des Gedichtes aus, rahme ihn ein und hänge ihn über meinen Schreibtisch. Als ständiges Mahnmal daran, was passieren kann, was ein paar überempfindliche Pseudoaktivisten (ich benutze das Wort „Frauenrechtler“ oder „Feministinnen“ bewußt nicht) der Freiheit der Kunst antun können.

mujeres
avenidas an meinem virtuellen Zuhause in Second Live.
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  1. Was mich besonders ängstigt ist, dass diese „Löschaktion“ von Menschen ausgeht, die höhere Bildung genossen haben, dadurch ja wohl auch einen höheren Bildungsstand haben müssten. Dementsprechend sollten diese Menschen doch auch gelernt haben zu differenzieren und ihre Befindlichkeiten nicht als non-plus-ultra anzusehen.

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