Seit einiger Zeit denke ich über den in letzter Zeit arg strapazierten Begriff „Heimat“ nach. Und während ich das mache und hier darüber schreibe, habe ich arabische Musik im Player, die ich sehr mag. Was ist denn Heimat, für mich, und warum wird um diesen Begriff so ein Gedöns veranstaltet? Vor allem bei denen, die diesen Blut-Boden-Heimat-Ehre-Kult betreiben?

Zuallererst einmal: Meine Mutter wurde am 13. August in Frankfurt/Oder geboren. Hätte sie sich nicht dafür entschieden, ihren Geburtstag in Berlin zu feiern, und zwar in einem Teil der Stadt, der in dieser Nacht urplötzlich dann West-Berlin hieß, wäre ich heute ein „Ossi“ und kein „Wessi“. Sicher wäre mein Leben dann ganz anders verlaufen, aber darum geht es gar nicht. Es war Zufall. Ganz und gar Zufall. Ich hatte mal einen Arbeitskollegen, der wurde in einem Flugzeug geboren – über Papua-Neuguinea. War es mein Verdienst, im Westen geboren worden zu sein? Nein, es war ganz einfach Zufall. Wie kann ich also so stolz auf ein Stück Land sein, auf dem ich mehr oder weniger aus Versehen aufschlug? Den Gedankengang kann man jetzt beliebig ausweiten auf Deutschland, Europa, etc. Im Pass meines Arbeitskollegen stand tatsächlich Papua-Neuguinea drin, weil er in diesem Luftraum geboren wurde. Das Land hat er nie betreten. Worauf hätte er „Nationalstolz“ aufbauen sollen? Reihe 5, Economy Class, Fensterplatz? Beinahe jedes moderne Land dieser Welt gründet heute darauf, die ursprünglichen Bewohner in blutigen Kriegen entweder vertrieben oder gleich ganz ausgerottet zu haben. Vermutlich reichen solche Überlegungen schon völlig aus, mich bei einigen Kameraden unter „Volksfahrräder“ einzusortieren. Ja, na und?
Ich habe einiges von dieser Welt gesehen, von Afrika bis Skandinavien, und ich spreche mehrere Sprachen. Nicht alle perfekt, aber so, daß ich rumkomme. Und wenn man die Sprache eines Landes lernt, lernt man immer auch die dazugehörige Kultur. Beides gehört zusammen, es sind nicht nur Worte, die einen Satz bilden. Man kann Jahre an einem Ort zubringen, ohne sich jemals heimisch zu fühlen. Und andersrum kann man irgendwo aufschlagen und ist sofort „zu Hause“. Das ist ein vollkommen subjektives Gefühl.
In gewisser Weise kann ich das in früheren Zeiten verstehen, in denen die Vereinnahmung und Verteidigung von Land gleichbedeutend war mit dem Überleben des Stammes. Derjenige, an dessen Platz die Quelle entsprang, hatte nun mal die besseren Karten. Aber heutzutage? Heute hat jeder seine privaten Quellen in Küche und Bad, nennt sich Wasserhahn. Woher kommt diese Arroganz, seinen Stolz auf etwas, wofür man selbst keinen Finger gerührt hat, für besser und wichtiger zu halten, als den anderer Leute? Und das geht ja durch Generationen. Der aberwitzige Ausspruch eines rückwärtsgewandten Herren mit Dackelkrawatte zum Beispiel, wieder stolz auf die „Leistungen“ der Soldaten zweier Weltkriege zu sein. Warum sollte ICH darauf stolz sein? War es meine „Leistung“ (Gott sei Dank nicht!!!)? Es war nicht mal mehr seine! Menschen können mit ihren Gedanken, ihren Worten, ihren Händen wundervolle Dinge schaffen. Die Alhambra, die Neunte Symphonie, die Mona Lisa, den Kleinen Prinzen, einen Bären oder Machinima – aber nein, wir sollen darauf stolz sein, das Menschen auf übelste, brutalste Weise andere Menschen abgeschlachtet haben. Mit den Händen, die stattdessen vielleicht einen „David“ hätten schaffen können. Oder einen bequemen Rollstuhl. Oder, oder, oder….
Heimat kann überall sein, wo man sich wohlfühlt. Wo es nette, aufgeschlossene, gastfreundliche Menschen gibt. Stolz kann man auf Dinge sein, die man geschafft hat. Egal, wie klein oder groß sie sind und, vollkommen egal WO man sie geschafft hat. Diese Pseudonutzung des Wortes Heimat kommt mir immer mehr so vor, als nutzten ihn nur Menschen, die sich nirgends wohlfühlen. Nicht mal in sich selbst.

Installation von ChapTer Kronfeld 2012

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