Die literarische Netzgemeinde hat es ja vermutlich mitbekommen: Die Streiterei um das wunderbare Gedicht „avenidas y flores“ von Eugen Gomringer. Kurze Zusammenfassung für alle anderen:
Ein Dichter schreibt ein Gedicht (in den frühen Fünfziger Jahren), das machen Dichter so, sie dichten. Im Jahr 2011 bekommt dieser Dichter den Poetikpreis einer Hochschule und stiftet „avenidas y flores“ als Dankeschön. Seitdem ziert es die Fassade eben jener Hochschule. Im Jahr 2017 nun entbrennt ein Streit darum, ob dieses Gedicht sexistisch und frauenfeindlich ist. Seitdem wird das nun diskutiert. Nora Gomringer, Tochter des Dichters, hat in einem wunderbaren Video sehr pointiert darauf geantwortet, mit einer eleganten Lehrstunde zum Thema „Konkrete Poesie“. Das findet man leicht auf ihrerFacebookseite .

Mich beschäftigt das Thema seitdem auch, natürlich. Als Lyrikerin und auch als Frau. Ich sag es gleich vorweg, vermutlich werde ich mir mit diesem Artikel keine Freundinnen machen.
Mir geht diese aggressive Gleichmacherei der Sprache so dermassen auf die Nerven! Ich hab eine Neuigkeit: es gibt MÄNNER auf dieser Welt und das ist gut so! Ja, manche sind Schweine, auch richtig, aber glaubt ihr wirklich, alle Frauen sind Engel?! Und glaubt ihr wirklich, ihr ändert irgendetwas, wenn ihr alles männliche aus der Sprache eliminiert und neutralisiert? Das ist auch eine Form von Unterdrückung, schon mal darüber nachgedacht?
Sprache ist in erster Linie mal ein Mittel der Kommunikation. Der kleinste gemeinsame Nenner, damit man einander überhaupt verstehen kann. Natürlich entwickelt sie sich, verändert sich, erweitert sich, Worte verschwinden und es kommen neue dazu, sehr spannend alles. Wenn wir aber anfangen, auf jede kleinste Befindlichkeit einzelner Gruppen Rücksicht zu nehmen, enden wir in Babylon. Weil sich dann jede Gruppe nur noch im eigenen Sprachraum bewegt und die anderen nicht mehr versteht. Und das ist eindeutig ein Rückschritt. Ich glaube kaum, daß Herr Gomringer damals, als er sein Gedicht schrieb, darüber nachdachte, daß es über 60 Jahre später irgendwelche Befindlichkeiten verletzen könnte. Was er bestimmt nie beabsichtigt hat.

Als Lyrikerin hasse ich nichts mehr, als meine Gedichte erklären zu müssen. Die schlimmste Frage nach einer Lesung lautet: „Wie ist das gemeint?“ Für einen Menschen, der mit Sprache „arbeitet“, ist sie mehr als bloße Kommunikation. Sie ist Spielplatz, Leinwand, Notenblatt, manchmal auch Schlachtfeld. Man kann ein Gedicht natürlich zerpflücken, auseinandernehmen und sezieren. Jeden Text. Man riskiert dabei zwar, daß er seinen Zauber verliert, aber vielleicht ist das manchmal gerade nötig. Im Nachhinein. So zweihundert Jahre später. Aber zu Lebzeiten des Autors? Ich würde ausrasten, wenn man mich bitten würde, ein Gedicht zu ÄNDERN, eine Zeile anzufügen oder etwas zu streichen. Muß ich heute schon, wenn ich zum Beispiel ein Gedicht über eine rauschende Liebesnacht verfasse, in dem ich meinen Geliebten geradezu anbete, davor Angst haben, in zehn Jahren dafür auf dem Scheiterhaufen des Feminismus zu stehen? Und das Gedicht dann besser gar nicht erst schreiben? Aber bestimmt nicht! Das wäre ja vorgedachte Zensur.
Noch viel schlimmer trifft dieser Sprachbegradigungswahn ja bereits verstorbene Autoren. Dazu zähle ich auch visuelle Anpassungen. Man denke nur an die schwachsinnige Debatte, den Pumukl schlanker zu zeichnen, weil dick… nääää, geht gar nich. Lindgrens Pippi redet von einem Negerkönig? Geht nicht, muß weg. Onkel Toms Hütte? Am besten gleich ganz einstampfen…. Ja um Himmels Willen, seid ihr noch bei Trost?! Ich empfehle ganz dringend etwas, das in diesen Tagen sowieso in aller Munde ist: ein wenig Toleranz.

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