Wir sahen sie.
Damals.
In Büchern und Filmen.
Nicht Märchen und Hollywood, nein,
in Geschichtsbüchern und Dokumentationen.
Wir sahen sie.
Ausgehungert bis zum Skelett,
Augen riesig, voller Schmerz,
Angst und Leere,
Knochenhaufen, Leichenberge.
Rosa Dreiecke. Gelbe Sterne.
Und wir weinten.

Wir sahen ihn.
Den SS-Mann,
der abends nach Hause kam
aus dem KZ
und seine Kinder umarmte
und ihnen eine Geschichte vorlas.
Im Schein einer Lampe
mit gelblichem Schirm.
Wir sahen sie.
Die Nummer.
Am unteren Rand der Lampe,
blaß, grünlich, unscharf.
Und wir weinten.

Wir sehen sie.
Bösartige, giftige Trolle,
auferstandene Spukgestalten.
Die nie mehr sagen können:
„Wir haben es nicht gewußt!“
Doch. Sie wissen genau, was sie tun,
wenn sie Menschen bedrohen,
ihnen den Tod wünschen,
die Menschenverachtung vor sich hertragen
und sich selbst Mensch nennen.
Wir sehen sie.
Die „Wir sind ja keine Nazis, aber…“-Sager,
die bürgerlich-mittigen Brandstifter,
denen man vor allem Angst machen kann.
Und wir weinen nicht.
Nicht noch einmal!

(c) Regina Neumann

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