Man bescheinigte mir schon des öfteren eine gewisse Verrücktheit und Vorgestern war es mal wieder soweit: Ich fuhr für einen Tag nach Hamburg, einfach so. Naja, nicht GANZ einfach so. Es war eine Belohnung. In den Wochen davor habe ich ein wahres Mammutprojekt gestemmt, Nächte durchgearbeitet, aus Verzweiflung prokrastiniert in Form von nächtlicher Putzwut, Blut und Wasser geschwitzt und mehr als einmal derbe Flüche ausgestoßen. (Worum es dabei geht, erzähle ich, wenn es spruchreif wird) Jedenfalls gab es eine Deadline, die ich unbedingt einhalten mußte und das habe ich auch geschafft. Allerdings war mein Kopf danach vollkommen leer und ich ziemlich geschafft, so daß ich dachte, ich lass mir den Kopf mal durchpusten, setze mich an die Landungsbrücken und zähle Möwen. Mehr nicht.

Dank des Schicksals, oder meiner fantastischen Ungeschicklichkeit, musste ich aber noch eine Woche warten. Bei der Zubereitung des Meerschwein-Frühstücks fiel mir das Küchenmesser runter. Meine Messer sind wirklich scharf und es fiel, Spitze zuerst, Schneide nach unten, direkt auf meinen Fuß. Ich hatte keine Ahnung, wie sehr so ein Fuß bluten kann! Mein Küchenboden sah 1A aus wie aus einem amerikanischen Mafiafilm, es fehlten bloß noch die Absperrbänder „Crime Scene! Do not cross!“ Das brauchte dann eine Woche, um zu heilen, na schön.

Es ist ja schon ein bisschen bekloppt, ein paar Stunden mit dem Zug durch die Gegend zu juckeln für ca. 6 Stunden Hamburg und dann wieder ein paar Stunden zurück, aber manchmal darf man auch bekloppt sein. Warum? Na weil ich es kann! Ausserdem fahre ich gerne Zug. Ich mag es, die vorbeiziehende Landschaft zu beobachten, zu sehen, wie sie sich verändert und dabei meine Gedanken fließen zu lassen. Oder auch einfach mal wegzudösen, dabei Musik auf den Ohren. Wusstet ihr, daß der Bahnhof in Uelzen ein echtes Kunstwerk ist? Ja, Uelzen! Das ist der Ort, an dem man eine Hungerattacke auf geröstete Erdnüsse bekommt, wenn der Wind richtig steht, genau. Aber zurück zum Bahnhof. Das kleine Ding mit seinen sechs Gleisen wurde nämlich von keinem Geringeren als Friedensreich Hundertwasser entworfen.

Hundertwasser-Bahnhof Uelzen




Als der Zug in Hamburg einfuhr, verabschiedete sich der Zugführer nicht mit den Worten „Senk ju for träwwelink wiß Deutsche Bahn“ sondern er sagte:“Willkommen in der schönsten Stadt der Welt!“ DAS ist doch mal ne Ansage. Für mich persönlich liefern sich ja Hamburg und London ein Kopf an Kopf – Rennen, aber man kann das schon so stehen lassen. Das Hamburger Wetter begrüßte mich mit einem vorgezogenen April: strahlender Sonnenschein und es regnete – gleichzeitig. Ich hatte wohlweislich meinen alten, wattierten Hoodie an. Das Ding ist ungelogen 25 Jahre alt aber noch tipptopp, das praktischste Kleidungsstück für Unterwegs und absolut winddicht. Das sollte sich auch als absolut notwendig erweisen, auf der Fähre war es so windig, daß es mir fast die Kamera aus der Hand geweht hätte. Ich machte die „kleinste Kreuzfahrt der Welt“ lt. Ankerherz-Verlag, mit der Fähre 62. Weil die nämlich am Museumshafen Övelgönne vorbeifährt und genau da habe ich mal als Gast in einer der Villen gewohnt. Bei einer sehr resoluten Kapitänswitwe. Das ist gut 30 Jahre her und ich wollte sehen, ob ich das Haus wiederfinden würde. Ich hab es tatsächlich gesehen, es hat nämlich einen wunderbaren Erker und in diesem Erkerfenster habe ich damals gesessen und stundenlang die Schiffe auf der Elbe beobachtet. Nicht ahnend, daß ich heute selbst mal auf einem dieser Schiffe an der Villa vorbeifahren würde.
Gerade als ich an den Landungsbrücken wieder ausgestiegen bin, hörte ich ziemlich lautes quietschen und johlen vom Wasser her. Ich drehte mich um und sah eine andere Fähre, auf Deck eine Schulklasse. Der Kapitän wurde nicht etwa langsamer sondern gab richtig Gas und legte eine scharfe Drehung hin! Ich grinste, wie alle Leute, die es mitbekamen. Wäre das ein Auto gewesen, hätten die Reifen gequietscht, garantiert!

Museumsschiff – Ich mag diese alten Segelschiffe!



Langsam machte sich Hunger breit und das hieß: Fischbrötchen! Klar, was sonst? Ich blieb noch an den Landungsbrücken, Schiffe gucken und – Möwen zählen! Ein Exemplar war ja besonders anhänglich und überhaupt nicht scheu, ich hätte nie gedacht, daß ich so nah an sie rankäme. Und nein, das lag nicht am Fischbrötchen, das war längst weg ^^ .

Über all dem thront ja nun die Elbphilharmonie, Elphi, und ich überlegte kurz, ob ich da noch hin sollte, denn angucken würde ich sie mir ja schon gerne. Aber dann dachte ich, ich brauche ja einen Grund, um wieder zu kommen. Obwohl, brauche ich einen Grund? Eigentlich nicht. Trotzdem werde ich Elphi das nächste Mal besuchen.

Ich fuhr zurück zum Bahnhof und kaufte mir eine Tüte Franzbrötchen. Das muß so, die bei uns sind einfach nicht gut, sorry Göttingen. Draussen stieß ich dann auf den Hamburger Gabenzaun für Obdachlose. Eine geniale Idee, einen Sperrzaun, der Menschen am sitzen hindern soll, einfach mal zu einem Gegenstand der Menschlichkeit zu machen! Zu meiner Verwunderung stand ein „Gabenwächter“ daneben, der aufpasste, daß wirklich nur Obdachlose die Tüten abpflücken. Ich unterhielt mich einen Moment mit ihm, weil mir das nicht so recht in den Kopf wollte, daß Leute, die es nicht nötig haben, da was wegnehmen. Wenn ich das nächste Mal komme, bringe ich auch was mit für den Zaun, das ist versprochen!

Umbau zur Humanität – der Hamburger Gabenzaun


Auf der Heimfahrt wurde ich mit einem geradezu fantastischen Sonnenuntergang über Hamburg belohnt. Dunkelrot stand sie über der Elbe, Elphi blitzte immer wieder kurz zwischen Bäumen und Häusern durch und ich juckelte gemütlich wieder nach Hause. Schön war´s.

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