Freundschaft muß man sich verdienen. So heißt es zumindest. Oder Freundschaft muß wachsen, über Jahre. Das mag stimmen, oft ist das sicherlich auch so. Aber manchmal wird sie einem auch einfach zuteil, wie ein unerwartetes Geschenk, wie etwas, womit man nicht rechnet. Ein Mensch, der dir im entscheidenden Augenblick die Hand reicht und den du danach niemals mehr wiedersiehst, dessen Namen du vielleicht nicht einmal kennst und nie erfahren hast, kann dir mehr zu einem Freund werden als jemand, den du dein ganzes Leben lang gekannt hast.

Wenn Zeit bei der Entwicklung einer Freundschaft eine Rolle spielt, kann ich nur sagen, Zeit hat ja nicht nur eine meßbare Länge, also Sekunden, Minuten, Tage, sie hat auch eine, nicht meßbare, Tiefe. Manchmal genügt ein einziger Augenblick, um einen wahren Freund zu erkennen. Dieser Augenblick war dann nachhaltiger und tiefer als es zehn Jahre sein können. Und unvergesslicher.

„Freundschaft bedeutete, sich geehrt zu fühlen, dass man einen anderen in seiner größten Verzweiflung auffangen dürfte…“ ( Hanya Yanagihara, Ein wenig Leben) Wie lange dauert es, in seine tiefste Verzeiflung zu stürzen? Und wie lange, die Hand auszustrecken um den anderen festzuhalten? In diesem Moment sind sich zwei Menschen sehr nah, in einer Sekunde noch Fremde, in der nächsten durch tiefe Sympathie verbunden, der eine stark, der andere schwach. Es gibt keine stärkere Bindung, als sich im Augenblick der Schwäche an einen anderen zu halten, der Wärme und Kraft, Verständnis und Empathie ausstrahlt. Ebenso wenig wie umgekehrt. Es macht einen starken Menschen nur noch stärker, wenn er einen schwächeren auffängt und stützt. Ist das schon Freundschaft? Oder der Beginn einer solchen?

Wann auch immer sie beginnen, sicher ist, es gibt Freundschaften, die, obwohl während eines Wimpernschlages entstanden, unverbrüchlich sind. Sie sind unser wertvollster Besitz.

Foto: Pinterest

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