Eigentlich will ich das jetzt gar nicht schreiben. Eigentlich will ich gerade ganz was anderes machen und habe eigentlich auch was anderes zu tun. Und eigentlich will ich diesem ganzen rechten Hass-Hetz- und Beschimpfungswahnsinn gar keine Plattform bieten. Aber…. Ja natürlich gibt es ein Aber. Ich werde hier jetzt mit Sicherheit keine Lösungen präsentieren, ich schreibe einfach auf, was mir seit einiger Zeit durch den Kopf geht. Und das nicht erst, seit ich diesen anonymen Wisch bekommen habe.

Das ist schon der erste Punkt, den ich nicht verstehe: Diese „Besorgtbürger“ glauben sich im Recht. Mit dem, was sie sagen, tun und auch schreiben. Warum tun sie das dann anonym zum Teufel?! Da muß doch noch so ein kleines Rädchen Gewissen ticken, das flüstert: „Ey, du weißt, daß das eigentlich falsch ist, was du da gerade machst, oder?“ Denn Angst davor, bedroht und angegriffen zu werden, müssen sie ja nicht haben, wir „Gutmenschen“ werfen doch höchstens mit Teddybären.

Zweiter Punkt: Diese umgedrehten, sinnverzerrenden Bezeichnungen. Die natürlich absolut bewußt kalkuliert erschaffen und eingesetzt werden. Man bedient sich der Sprache, um ein nicht existentes Feindbild aufzubauen. Warum merken das so wenige??? Ein besorgter Bürger war früher jemand, der beim Gemeindeamt anrief um zu melden, daß irgendwo ein tollwütiger Hund frei rumläuft. Schlimmstenfalls ein Nörgler, der jeden Falschparker meldete. Nervig aber harmlos. Heute ist es eine Bezeichnung für eine Gruppe von Leuten, die fremdenfeindliche Ansichten vertreten und sich permanent als Opfer fühlen, obwohl sie noch nie ein Opfer von irgendwas waren. Schon gar nicht von Verfolgung oder gar Krieg.
Ich bin nach der NS-Zeit geboren und aufgewachsen, wurde aber in der Schule jahrelang mit dem Thema überschüttet (wenn man in Berlin zur Schule ging, gab es im Geschichtsunterricht fast kein anderes Thema). Natürlich stellte ich die üblichen Fragen: Wie konnte so etwas passieren? Wie war das möglich? Waren die Menschen damals dumm? Nun, JETZT sehe ich, wie so etwas möglich sein konnte. Es geschieht gerade wieder und ich verstehe es nicht. Ich verstehe zur Zeit sehr vieles nicht mehr. Zum Beispiel verstehe ich Politiker nicht, die sagen: „Wir müssen die Sorgen der Bürger ernst nehmen.“ – und damit diese Besorgtbürger meinen! Nicht etwa Leute wie mich, die sich Sorgen darüber machen, in eine Diktatur zu schlittern.

Nächstes Thema: Meinung! Die arme Meinungsfreiheit wird in diesen Tagen ja so oft bemüht, daß sie mir fast leid tut. Vor allem wird sie mißbraucht, mit Füßen getreten und in den Dreck geschubst.
Da wird gedroht, beschimpft, gepöbelt auf übelste Weise, es wird zu Gewalt aufgerufen – und alles im Namen der Meinungsfreiheit. Gerade die Rechten befleissigen sich ja gerne darin, das Grundgesetz zu zitieren, wenn sie rumpöbeln: „Ich bin der Meinung, du bist ein Arschloch. Und ich darf das sagen, weil es Meinungsfreiheit gibt, so!“ Natürlich überlesen sie regelmässig den nächsten Artikel, in dem klar drinsteht: deine Freiheit hört da auf, wo die eines anderen anfängt.

Ich werde ja nun so bei „linksgrünversifft“ einsortiert, womit ich nichts anfangen kann. Ich wollte mich politisch nie irgendwo verorten lassen (ausser Rechts, da war ich nie!) und werde nun zwangsläufig in die linke Ecke gestellt, nur, weil ich gegen Rechts bin. Ein Terrorist ist für mich jemand, der Bomben bastelt und Menschen umbringt, für irgendeine bekloppte politische Gesinnung egal welcher Färbung. Ich bin in RAF-Zeiten groß geworden. Die haben Politiker entführt und ermordet und waren Links. Jetzt bekomme ich einen anonymen Wisch, in dem von „linkem Gutmenschen-Terror“ geschwafelt wird! Ach ja, asozial auch noch. Was denn nun? Entweder asozial oder Gutmensch, beides zusammen geht nicht. Es ist einfach lächerlich!

Vor einigen Wochen las ich einen Artikel von einer Autorenkollegin. Sie schrieb, sie hätte keine Lust mehr zu schreiben, sie wüßte nicht, für wen. Die Gesellschaft würde sich auf eine Weise verändern, die nur noch häßlich wäre und sie wolle nicht, daß solch häßliche Menschen ihre Geschichten läsen, für eine solche Gesellschaft wolle sie nicht schreiben. Das hat mich tief betroffen gemacht und geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Einerseits macht mich eine solche Aussage traurig, ein wenig kann ich sie sogar verstehen. Schliesslich ist jeder künstlerische Prozeß mit Herzblut verbunden – und wer kippt sein Herzblut schon freiwillig in einen Schweinetrog? Andererseits, nicht alles ist häßlich. Es gibt trotzdem so viel Gutes und Schönes. Menschen, die helfen, Menschen, die aufstehen und dagegenhalten. Und die müssen irgendwo ihre Kraft herbekommen. Aus einem schönen Song, einem Bild, einer schönen Geschichte. In dem Augenblick, wenn ich ein fertiges Buch in die Welt hinauslasse, habe ich keine Macht mehr darüber. Ich kann ja auch nicht verhindern, wenn ein Leser mein Buch nach der Halbzeit in die Mülltonne schmeisst, weil er es blöd findet. Einem anderen verändert es vielleicht sein Leben. Das weiß ich alles nicht. Eines weiß ich aber:

Aufgeben ist niemals eine Option!

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