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dsci0417 Lieber Firas,

ich habe schon sehr viele Buchrezensionen geschrieben, darum kann ich auch berechtigter Weise sagen, daß es mir noch niemals so schwer gefallen ist, eine für Dein Buch zu schreiben. Weil Dein Buch mehr verdient als das übliche Geschwurbel über Inhalt und Schreibstil. Weil es mehr zu sagen gibt, wird diese Rezension eine völlig neue Form haben, ein offener Brief an Dich sein.

Das es in Syrien einen furchtbaren Krieg gibt, weiß ich natürlich. Was ich bisher nicht verstanden habe, ist das wieso und wer-gegen-wen. Was haben die Russen da zu suchen und wer ist dieser Daesh? Ich danke Dir für diese Erklärungen. Es hilft, etwas besser zu verstehen, was eigentlich nicht zu verstehen ist. Es macht aber auch furchtbar hilflos, weil es bedeutet, daß Dein Volk – und damit meine ich die ganz normalen Leute, die Hausfrauen, Studenten, Bäcker, Handwerker, Künstler – überhaupt keine Chance haben. Sie werden Opfer und Spielball von Menschen, denen völlig gleichgültig ist, was sie hinterlassen und absolut jeder, der ein wenig Menschlichkeit besitzt, oder auch nur gesunden Menschenverstand, versteht, warum von dort geflüchtet wird.

Ich habe Dein Buch überwiegend im Bett gelesen, weil erkältet, warm zugedeckt, mit vollem Bauch und ohne Angst, daß gleich mein Dach über mir explodiert oder daß jemand meine Tür eintritt und mich wegzerrt, weil ich auf meinem Blog einen unangenehmen Artikel geschrieben habe. Was für ein Luxus! Ich habe über Deine Arschbrause gegrinst und habe mit Dir über die deutsche Bürokratie den Kopf geschüttelt. Ich war fassungslos und traurig über Deine Berichte aus den Gefängnissen – und ich bin mir sicher, Du hast uns Leser noch geschont. Was mich aber absolut begeistert hat, ist Dein ungebrochener Wille, das Leben positiv zu sehen und mit Deinem wunderbaren Humor. Und auch nachdenklich hat mich Dein Buch gemacht. Und zwar in den Passagen, in denen es um die „Flüchtlingsdiskussion“ geht. Du schreibst, die Diskussion in den Sozialen Medien (Facebook) wäre eigentlich sinnlos, weil beide Seiten mit Argumenten aufeinander eindreschen. Ich kann jetzt nur für mich sprechen, natürlich. Ich bin sicher, das liegt an unserer eigenen, unverarbeiteten Geschichte, der Nazi-Zeit nämlich. Jahrzehnte lang war es ein absolutes No-Go, bestimmte Dinge laut auszusprechen. Weil sich natürlich niemand in eine Reihe mit menschenverachtenden Massenmördern in eine Reihe stellen wollte. Heute ist das wieder „salonfähig“, Menschen sprechen davon, andere zu vergasen, von „Viechern“ und noch viel schlimmeres. Nur sind es heute nicht mehr Juden sondern eben leider Flüchtlinge um die es geht. Früher haben sehr viele aus Angst den Mund gehalten, heute halten eben nicht mehr alle den Mund, zum Glück. Krieg kommt „von oben“ sagst Du. Genau so ist das hier auch: Politische Parteien schüren irgendwelche wirren Ängste – und WIR streiten deswegen. Das ist aber leider notwendig. Menschen wie ich können und wollen nicht tatenlos dabei zusehen, wie sich die Geschichte wiederholt. Wenn wir hier keinen Krieg haben wollen, geht es nur mit Argumenten, so schwierig das auch sein mag.

Ich wünsche mir, daß sehr, sehr viele Menschen Dein kluges, gutes Buch lesen und vor allem, daß der ein oder andere es auch ein bisschen begreift. Dir, lieber Firas, wünsche ich vor allen anderen Dingen ein langes Leben in Frieden.

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