Irgendwann dachte ich ja mal, wenn ich „auf´s Land“ ziehe, wird es ruhiger und ich kann ungestört vor mich hin schreiben. Das war aber ein heftiger Trugschluß. Die verlockenden Ablenkungen des funkelnden Großstadtlebens sind es nämlich gar nicht, die DEN Roman, DEN Gedichtband verhindern. Nee, es ist das, was ich unbedingt brauche, um überhaupt schreiben zu können: meine eigenen Gefühle nämlich. Im Moment ist mein Leben mal wieder emotional reichlich turbulent. Große Freude, Trauer, Hoffnung und auch Fassungslosigkeit, alles da und quasi im fliegenden Wechsel.
Ich schrieb ein Gedicht, welches mir, den Reaktionen nach, recht gut gelungen war. Es sollte die Emotionen vieler Menschen spiegeln, die ich persönlich nicht kenne und gleichzeitig die Persönlichkeit einer Person beschreiben, die ich sehr wohl kenne – und die alle miteinander verknüpft sind. So weit, so gut. Ich wollte dieses Gedicht auch einsprechen, es ist mir nicht gelungen. Jedenfalls nicht gut genug. Zum Glück habe ich das Privileg, einen professionellen Sprecher im Freundeskreis zu haben, der mir bei Bedarf „Unterricht“ gibt. Und der Bedarf ist eigentlich immer da, sprechen und sprechen ist nämlich durchaus nicht dasselbe. Er fand das Gedicht toll, sagte mir aber: „Du klingst zu traurig.“ Ja, Kunststück, ich war ja auch traurig und das hört man. Obwohl ich vorher anderthalb Stunden lang lauthals lustige Liedchen geträllert habe, bekam ich die Traurigkeit nicht aus der Stimme raus.
Gerade was Lyrik angeht, brauche ich aber Emotionen, um sie ausdrücken zu können. Ein Gedicht ist für mich wie eine Komposition mit Worten, die Melodie einer tiefen Stimmung, es entsteht aus einem aktuellen Gefühl – und das muß stark sein. Ist es aber zu stark, behindert es mich. Dabei ist die Art des Gefühls gar nicht so wichtig, alle stören irgendwie. Vermutlich ist das Geheimnis, wie bei allen Dingen, die Balance. Aber vermutlich ist das auch das Dilemma aller Künstler: Ohne Gefühle geht nicht, mit Gefühlen geht eben manchmal auch nicht. Da heisst es dann, Geduld haben.

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