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Mein letzter Besuch in Hamburg ist wirklich schon fast dreißig Jahre her. Da ich zum Geburtstag eine Karte für das Harbour Front Literaturfestival geschenkt bekam, für die Lesung aus „Sturmwarnung“ von Kapitän Schwandt vom Ankerherzverlag, ging es gestern also gen Hamburg. Der Hauptbahnhof ist ein Bienenstock, riesig und voll. Aber trotzdem alles sehr übersichtlich, ich fand ohne Probleme zu meinem Hotel, zwischen St. Pauli und Schanzenviertel gelegen. Sachen verstaut, Beutel geschnappt und los! Da ich ja nicht arbeiten musste sondern ein reiner Tourist war, hab ich mich auch so benommen: Ab zu den Landungsbrücken! Leider zog es sich zu und wurde höllisch schwül. Ich dachte, das geht in Hamburg gar nicht, aber… falsch gedacht! Egal. Ich schlenderte da rum, besah mir die Menschen und Schiffe. Segelschiffe, Dampfer, Barkassen, Schnellboote und Tanker. Schon sehr beeindruckend. Langsam meldete sich Hunger und das hieß: Krabbenbrötchen! Wenn schon Tourist, dann aber richtig. Und während ich da saß und versuchte, mich nicht einzusauen, kamen zwei Riesencontainerfrachter die Elbe rauf. Das war sehr majestätisch. Der erste war größer als jedes Haus, das in unserem Dorf steht, allein die Brücke war breiter als unser komplettes Grundstück lang ist, Wahnsinn! Das Monster war von der „Grimaldi Line“ und zog langsam vorbei. Der zweite war kleiner, aber nicht wesentlich. Inzwischen stand der Imbißkellner neben mir und beobachtete wie ich das Einlaufen der Giganten.
„Wo kommen die her?“ fragte er.
„Ich weiß nicht. Auf dem einen stand was arabisches….“
„Ja! Ja! Arabisch!“ Er strahlte mich an.
„Ja, Bahran oder Barah…. ich weiß nicht genau…“
Der Kellner machte große Augen und sprudelte auf arabisch los. Ich bremste ihn aber und sagte, daß ich das nicht verstehe. Ich habe nur mal ein wenig aufgeschnappt, könnte ein paar Zeichen entziffern, verstehe aber nicht, was es bedeutet. Aber das ich die Schrift sehr schön finde und auch die Sprache der arabischen Gedichte. Er strahlte noch mehr. Wir unterhielten uns noch einen Moment, dann musste er weiterarbeiten. Ich aß mein Brötchen auf und dachte: Es könnte so einfach sein. Ein paar freundliche Worte, mehr braucht es doch gar nicht…

LandungsBrücken:

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Die "Cap San Diego" - da wird "Schwandt in Sicht" gedreht

Die „Cap San Diego“ – da wird „Schwandt in Sicht“ gedreht


Ja, ich bin ein Touri^^

Ja, ich bin ein Touri^^


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Die Lesung sollte am Abend auf der MS Stubnitz stattfinden. Ich hatte mir einen Wegeplan ausgedruckt und auch, welche Verkehrsmittel ich brauchte. Das war alles recht einfach. Allerdings sah es auf dem Plan so aus, als läge die Stubnitz irgendwie kilometerweit im Nirgendwo und man müsste ziemlich weit laufen. Da ich noch reichlich Zeit hatte, suchte ich mir einen Bäcker, denn man kann nicht in Hamburg sein, ohne ein Franzbrötchen zu essen. Vor allem nicht, wenn einem ein gewisser Verlag immer die Zähne mit Fotos von den Dingern langmacht, ne? Wir haben in Göttingen einen Bäcker, der sie auch hat, aber jetzt, wo ich vergleichen kann: an die Hamburger kommen unsere hier nicht ran, keine Chance!

Das berühmte Hamburger Franzbrötchen!

Das berühmte Hamburger Franzbrötchen!


So langsam wollte ich dann aber los. Ich drückte dem Busfahrer den Plan in die Hand und der erklärte mir, wo es langging. An der Endhaltestelle, die tatsächlich „in der Prärie“ lag, war nur ein Schiff zu sehen – die Stubnitz.

MS Stubnitz
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Taue, so dick wie mein Unterarm

Taue, so dick wie mein Unterarm


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Keine 100 Meter weit zu gehen. Na klasse, dachte ich, ich bin viel zu früh da. Zu allem Überfluß fing es an zu regnen und weit und breit weder was zum Unterstellen oder Sitzen. Naja, was heißt Regen? Die Hamburger würden vermutlich „feuchte Luft“ sagen, aber es war ungemütlich. Zum Glück turnte da gerade eine junge Frau an Deck rum. Ich rief nach oben, ob ich mich unten auf die Gangway setzen durfte, weil ich nicht über eine Stunde stehen könnte. Ich durfte sogar schon an Board kommen. Das war dann das erste Abenteuer: Diese Gangway fühlte sich eher an wie eine verdammte Hängebrücke! Ich hab zwar keine Höhenangst aber das Ding war verdammt wacklig, also schön langsam einen Fuß vor den anderen setzen. Um auf das Vordeck zu kommen dann noch eine steile Treppe rauf und auf der anderen Seite wieder runter. Zum Glück waren die Geländer stabil aber ganz ehrlich, ich hatte reichlich die Flatter, da rumzuturnen!
Nach einer Weile trudelten mehr Leute ein, die aber unten blieben. Offiziell war ja noch kein Einlass. Und dann sah ich Kapitän Schwandt. Er wurde augenblicklich von den Menschen umringt, schüttelte Hände, sagte einige Worte – und kam die Hängebrücke hoch. Ich stand ganz allein auf dem Vordeck und kam mir wie eine Idiotin vor. Dann wieselte dieser 80jährige Mann sehr behände die steile Treppe runter und ich fühlte mich wie eine 95jährige Idiotin…
„Moin! Du musst die Regine sein…?!“
„Ja, bin ich…. Moin.“
Es war eine herzliche Begrüßung, wir kennen uns schon eine Weile über Facebook.
„Ich hab gewußt, daß du heute hier sein würdest, ich hab deine Nachricht gelesen.“
Das hatte ich gehofft. Inzwischen kamen die anderen auch auf´s Schiff. Ich sagte gerade zum Kapitän, daß er diese Höllenstufen schneller schaffen würde als ich, weil das mit dem Festhalten nicht so hinhaut bei mir (was mir einen sehr wachen, scharfen Blick von ihm einbrachte), als die Veranstalterin dazu kam und meinte, die Treppen im Schiff nach unten wären noch steiler.
„Ach du Sch…. na super. Wenn es einen Schlag tut, bin ich angekommen!“ Ich grinse. Aber: Kapitän-Schwandt-Fans sind sehr nette Menschen! Mir wurde beim Abstieg geholfen, es wurde aufgepasst, daß ich nicht stolperte, es wurden Hände gereicht, alles ging gut. Beim Aufstieg das Gleiche. Einfach tolle Menschen! Wer dabei war und das hier liest: Dankeschön.
Glücklich unten - erst mal eine schmöken :)

Glücklich unten – erst mal eine schmöken 🙂

Es ging weit nach unten in den Schiffsrumpf, Laderaum vermute ich mal. Der Kapitän saß ganz ruhig im Gewusel um ihn herum, rauchte, trank Kaffee und justierte seine Hörgeräte. Niemand rauchte sonst, vermutlich war es gar nicht erlaubt. In diesem Moment erinnerte er mich einfach nur an Helmut Schmidt, der sogar bei einem Interview im Fernsehen seelenruhig eine rauchte und am nächsten Tag im Internet heftig über ihn gemeckert wurde. Das sich absolut NIEMAND beschwerte, zeigt nur, wie groß der Respekt ist, den dieser Mann geniesst. Leute kamen zu ihm und ließen sich ihre Bücher signieren. Ich ging auch hin, allerdings mit den „Robben Islands“, ich warte noch auf das Hörbuch zu „Sturmwarnung“
„Du mußt lauter sprechen, min Deern, ich hab die Dinger in den Ohren…!“
Ich fand, ich war schon recht laut….
„Lauter bitte!“
„Ich kann dich doch nicht anschreien, Käpt´n!“

Fans jeden Alters wollen ein Autogramm und bekommen es mit freundlichen Worten

Fans jeden Alters wollen ein Autogramm und bekommen es mit freundlichen Worten


Vermutlich ist es schwierig, wenn ein permanentes Hintergrundgesumme herrscht und noch dazu Musik dudelt, das rauszufiltern, was man wirklich hören will, aber wir haben es hinbekommen. Langsam ging es los. Es war eine moderierte Lesung. Stefan Krücken las die Passagen vor, Michel Abdollahi (vom NDR) stellte intelligente und witzige Fragen, Kapitän Schwandt beantwortete sie in seiner ruhigen, besonnenen Art. Ein besonderes Highlight war es, daß das Publikum fragen stellen durfte. Ich hatte eine, die mir schon ewig unter den Nägeln brannte. Eingedenk dessen, daß ich laut reden sollte, tat ich das, ich KANN laut (Entschuldigung an meinen Vordermann!):
„Hatten Sie je einen blinden Passagier an Bord und wenn ja, was macht man dann? Über Bord schubsen geht ja nicht…“ Bei diesen Worten huscht ein Lächeln über das Gesicht des Kapitäns. Er sagte aber, er hatte nie einen. Fand ich ein bisschen schade, es hätte mich schon interessiert, ob der dann die ganze Zeit hätte Kartoffeln schälen müssen. Eine Frage fand ich so bemerkenswert, daß ich diese hier auch erwähne:
„Wann haben Sie Glück empfunden auf See?“
Der Kapitän spricht über Glück

Der Kapitän spricht über Glück


Es war die ganze Zeit ruhig im Schiff. Jetzt wird es still. Absolut still. Der Kapitän antwortet nicht sofort, ich glaube, mit dieser Frage hat er nicht gerechnet. Als er spricht, klingt er verhalten und sehr nachdenklich:“Glück..ja, Glück… Ich habe mal gelesen, Glück ist die Abwesenheit von Unglück. Besser kann man das wohl nicht beschreiben.“
Es gab viele intensive Momente an diesem Abend. Dieser war definitiv der intensivste für mich. Was die Lesung angeht. Persönlich war es dieser hier:
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Und weil der Text jetzt ohnehin schon die Grenzen sprengt, lass ich nur noch Fotos sprechen. Hamburg war einfach ganz großartig!
Stefan Krücken und Kapitän Schwandt bei dr Arbeit

Stefan Krücken und Kapitän Schwandt bei dr Arbeit


Von der Stubnitz bei Nacht

Von der Stubnitz bei Nacht


Des Käpten´s zweites Wohnzimmer ;)

Des Käpten´s zweites Wohnzimmer 😉


Kann ich verstehen, der Ausblick ist fast meditativ

Kann ich verstehen, der Ausblick ist fast meditativ


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Meine Widmung in "Robben Islands"

Meine Widmung in „Robben Islands“

(Die Rechte an allen Fotos liegen bei (c)Regina Neumann Ausdrücklich nur freigegeben zur Verwendung für (c)Ankerherzverlag und Kapitän Schwandt)

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