Die letzten Tage waren anstrengend. Emotional anstrengend. Es knallte an allen Ecken und Enden, beinahe täglich. Nizza, München, Reutlingen, Göttingen, Würzburg, es gab viele Tote und Verletzte. Das ist schlimm und es ist traurig, es ist bedauernswert für alle Opfer und Hinterbliebenen. Aber: sowas hat es auch früher schon gegeben. Der einzige Unterschied dazu ist, früher wurde nicht aus allem und jedem ein Terroranschlag gemacht. Ein Eifersuchtsdrama war ein Eifersuchtsdrama, ein eskalierender Streit war eben genau das und ein geistig verwirrter Amokläufer war kein Terrorist sondern ein geistig verwirrter Mensch.
Irgendwie hat man den Eindruck, die Menschen heute haben den Blick für die Relation vollkommen verloren. Das ist dasselbe Phänomen wie mit dem Wetter. Im Winter ist es kalt und es fallen zehn Schneeflocken, schon brüllt es aus der Zeitung „WINTERCHAOS!“ Im Sommer hat es drei Tage lang mal dreissig Grad und es heisst „MÖRDERHITZE! SCHON 20 TOTE!“ Bei extremen Wetterlagen sind schon immer vermehrt Menschen gestorben, Alte, Kranke, Schwache. Das ist vollkommen normal. Wann hat das eigentlich angefangen, aus wirklich jeder Nachricht eine Sensation machen zu müssen? Chaos, Terror, Amokläufe – und das täglich. Das schlimmste daran ist, es wird sich, im Zeitalter von Social Media, bereits darin überboten, wer am lautesten schreit, bevor überhaupt Fakten bekannt sind! Und genau das bringt mich jetzt auf das eigentliche Thema dieses Beitrags: Angst.

Angst ist die Generalentschuldigung für alles dieser Tage. Angst vor „der Flüchtlingsschwemme“. Angst vor angeblichen Vergewaltigungen durch Asylsuchende. Angst vor allem unbekannten. Angst vor dem eigenen Schatten und vor Courage. Ich lese andauernd von diesen „verängstigten Bürgern“ und frage mich, wovor zum Teufel haben die denn eigentlich Angst? Menschen, die zu Hause sitzen, weil sie ein Zuhause HABEN, die täglich was zu Essen auf dem Tisch haben, eine lebendige Familie um sich, die jede Nacht ruhig schlafen können, weil sie niemand nachts aus ihren Betten zerrt und an eine Wand stellt – wovor haben die Angst?! Sie haben „Angst“ davor, daß ihnen ihr Job weggenommen wird (von Flüchtlingen, die gar nicht arbeiten dürfen!), sie haben „Angst“ davor, daß sie weniger Geld bekommen könnten und auf einmal nichts mehr zu Essen haben, weil man ihnen das einredet und sie es glauben. Das ist keine Angst, das ist Neid und Mißgunst. Und warum kann man diesen Menschen solche Dinge einreden, warum kann man so vielen überhaupt „Angst“ machen? Weil sie die einfachsten Grundprinzipien, wie ein Staat funktioniert, entweder nie gelernt oder nicht begriffen haben. Da werden einfach mal unbewiesene Behauptungen aufgestellt, zum Beispiel Dieses und Jenes wird mit UNSEREN Steuergeldern bezahlt und alle regen sich auf. Es wird keine Sekunde hinterfragt, ob Dieses oder Jenes per Gesetz überhaupt mit Steuergeldern finanziert werden darf! Es wird einfach mal geglaubt. Und sich lauthals aufgeregt.
Ein anderes Beispiel für diese eskalierende Übertreibung überall war folgender Post, den ich irgendwo las: Da war von „marodierenden FlüchtlingsHORDEN“ die Rede, die harmlose Bürger angriffen. Der Begriff „marodierend“ fiel mehrfach, offensichtlich wollte da jemand mit Fremdwortkenntnissen glänzen, ohne die Bedeutung zu kennen. Marodieren bedeutet, daß jemand am Rand von Kampfhandlungen (also eines Krieges) raubt, erpresst, vergewaltigt und mordet. Meist ist ein sog. Marodeur ein Deserteur. Mir ist nicht bekannt, daß sich Deutschland in einem Krieg befindet, schon gar nicht auf deutschem Boden. Sowas ist für mich ein typisches Beispiel. Alles wird maßlos übertrieben und überspitzt. Würde man mal für einige Minuten innehalten und nachdenken, käme man vermutlich von selbst darauf, daß das ziemlicher Quatsch ist.

Was macht man denn aber nun mit seinen „Ängsten“, was erzählt man so einem „ängstlichen Bürger“? Angst per se ist ja nicht rational. Einem kleinen Kind kann man täglich erzählen, daß keine Monster unter dem Bett sind, letztendlich muß es diesen Kampf mit sich allein ausmachen und die Monster besiegen. Ihr seid aber keine kleinen Kinder! Ihr habt die Möglichkeit, euch zu bilden, zu überzeugen! Geht raus, erweitert euren Horizont. Denkt mal nicht nur an euren Teller sondern auch an den anderer. Wenn ihr nicht in einem Flüchtlingsheim helfen wollt, okay, dann helft der deutschen Obdachlosenhilfe! Allein, sich um andere Menschen zu sorgen erweitert den Horizont und schafft ein Gemeinschaftsgefühl. Verantwortung für andere zu übernehmen tut nicht weh kostet weder euer Geld noch eure Würde. Im Gegenteil, es könnte sein, daß ihr stolz nach Hause geht, weil ihr merkt, ihr habt was tolles geleistet. Glaubt nicht alles blind, was man euch vorsetzt. Lest Bücher, bildet euch eine eigene Meinung. Nur wer selber denken kann, ist in der Lage zu entscheiden, wovor man wirklich Angst haben muß. In der Türkei wurden gerade an die 1000 Schulen und 15 Universitäten geschlossen. Warum wohl? Weil man ein dummes Volk viel besser manipulieren kann – und zwar mit Angst!

Wenn ihr in einen Zug steigt oder in ein Einkaufszentrum geht KÖNNTE es passieren, daß da auf einmal einer wild um sich schießt. Richtig. Es KÖNNTE aber auch nichts passieren, wie in den meisten Tagen des Jahres. Es könnte genau so passieren, daß euch ein LKW-Fahrer erwischt, der wegen Übermüdung hinterm Steuer eingeschlafen ist. Wenn es ein deutscher Fahrer ist, zählt es als Unfall, bei einem syrischen als Terroranschlag? Doch wohl kaum.

Habe ich Angst? Ja, manchmal. Ich habe Angst davor, daß es bestimmte Parteien schaffen könnten, hier etwas zu sagen zu haben. Ich habe Angst davor, daß eine Masse Menschen im Gleichschritt hier die Hauptstrasse hochkommen und „Wir sind das Volk“ brüllen. Und ich habe Angst davor, bei geschlossenen Grenzen hier mit denen eingesperrt zu sein. Lassen wir es bitte nicht so weit kommen.

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