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Quelle: Hamburger Morgenpost, bearbeitet

Quelle: Hamburger Morgenpost, bearbeitet

Wenn im Netz vom „Käpt´n“ gesprochen wird, speziell auf Facebook, wissen inzwischen vermutlich sehr viele Menschen, wer damit gemeint ist. Sicher aber die über 90.000 Menschen, die seinen Facebook-Account verfolgen. Kapitän Schwandt aus Hamburg. Manche nennen ihn ein Phänomen, besonders gut gefällt mir „Käpt´n klare Kante“. Er ist streitbar, manchmal provokant, bewahrt immer Haltung und zeigt eben diese klare Kante gegen Rechts. Immer. Unter allen Umständen.

Vor kurzem feierte der Kapitän seinen achtzigsten Geburtstag. Achtzig Jahre und kein bisschen leise. Für mich ein Grund, mich etwas näher mit dem „Phänomen Schwandt“ zu beschäftigen. Ein Umstand, über den er sich selbst am meisten zu wundern scheint. Es liegt nicht nur an seiner Kolumne in der Hamburger Morgenpost, die unter normalen Umständen kaum über Hamburg hinaus bemerkt worden wäre, auch nicht an seiner hochinteressanten Lebensgeschichte, die vor einigen Wochen erschienen ist. Es liegt an seiner Persönlichkeit. Daran, daß er sich nicht bequem im Sessel zurücklehnt und die Jungen mal machen lässt. Er ist noch immer neugierig, auf die Welt, auf die Menschen, er ist besorgt, was aus dieser Gesellschaft gerade zu werden scheint. Er wehrt sich dagegen, rüttelt die Menschen wach und hält nicht den Mund. Das tun viele andere auch nicht. Warum also wurde gerade er zu einer regelrechten Leitfigur gegen Fremdenhass, Rechtsradikalismus und Intoleranz?

Als die ersten rechten Gruppierungen und Parteien auftauchten, hat man die erstmal überhaupt nicht ernst genommen. Wir Deutschen mit unserer Vergangenheit, das kann sich unmöglich wiederholen, geht gar nicht, die verschwinden schon wieder, wenn man sie nur ausdauernd genug ignoriert. So dachten wir damals, ziemlich naiv. Inzwischen kann man diese Strömungen aber nicht mehr ignorieren, sie überziehen ganz Europa wie ein Spinnennetz. Und was macht unsere Politik? Nichts. Jedenfalls nichts wirklich wirkungsvolles. Da wird am Grünen Tisch diskutiert, wie viele ertrunkene Flüchtlinge denn vertretbar sind und wie man sich mit der Rechten Partei arrangieren könnte, müßte, nun, wo sie schon mal da ist. Flüchtlingshelfer, Menschen, die helfen möchten und das ehrenamtlich auch tun, werden durch Verordnungen und Richtlinien behindert und alleine gelassen. Es gibt sehr viele Einzelpersonen und verstreute kleine Gruppen, die durch die Bürokratie schwimmen und denen kaum einer zuhört. Die Stimmen, die sagen, wir wollen kein 2. Drittes Reich, wir wollen eine offene, humane Gesellschaft, verhallen fast ungehört. Weil die, die „Wir sind das Volk“ brüllen, so viel lauter sind. Und dann taucht ein alter Seemann auf, jemand, der sich traut, den Mund aufzumachen. Er hat eine Stimme und sie wird gehört. Täglich werden es mehr, die sie hören und auf einmal haben all die Menschen eine Stimme, die vorher niedergebrüllt wurden. Menschen, die vielleicht schon fast resigniert haben, schreiben Sätze wie:
Ich freue mich jeden Morgen auf Ihre Beiträge.
Sie geben mir täglich neue Hoffnung.
Ich bewundere Sie für Ihre Haltung, machen Sie weiter so.
Kapitän, wir brauchen Sie.

Dieses „wir brauchen Sie“ ist ein Kernsatz, der immer wieder in den Kommentaren auftaucht. Es stimmt. Wir brauchen eine Stimme, in die wir einstimmen können, damit man uns hört. Der Kapitän hat sicher nicht damit gerechnet, in seinem Alter noch einmal eine solche Position einzunehmen: Leitfigur für einen politischen Widerstand zu sein. Als unabhängige Privatperson kann er die Dinge beim Namen nennen, die sich kein Politiker laut auszusprechen traut, er kann sagen, was sehr viele Menschen in Deutschland denken und was eben das Gegenteil dessen ist, wonach es so offensichtlich aussieht. Wir brauchen einen Mahner der sagt: Passt auf, wohin ihr rennt! Nicht, weil wir, wie man uns so gerne vorhält, nur dumme Gutmenschen sind, sondern weil man eine Menge von 90.000 Menschen nicht mehr so einfach als „naive Störfaktoren“ auf dem Weg zur totalen Herrschaft abtun kann. Wir brauchen keinen „Messias“, dem in blindem Gehorsam hinterhergedackelt wird. Der Kapitän hat niemanden gerufen, er wurde gefunden. Die Verehrung, die er erfährt, beruht nicht auf reinem Groupietum sondern auf Respekt. Es ist keine Heldenverehrung sondern Achtung. Achtung vor Gradlinigkeit, Rückrat und Mut. Alles Eigenschaften, die ich bei unseren Politikern vermisse, und zwar bei allen, in jeder Partei.

Mut ist nochmal eine besondere Betrachtung wert. Ich glaube, der Charakterzug, der dem Kapitän am meisten zuwider ist, ist Feigheit. Natürlich wird auf seiner Seite heftig diskutiert. Nicht jeder ist immer mit allem so ganz einverstanden, was der Käpt´n so postet. Das ist auch vollkommen in Ordnung. Wenn man das sachlich feststellt „nö, Käpt´n, seh ich anders“, ist alles prima. Solche Kommentare kommen grundsätzlich von Usern mit einem offenen Profil und werden zur Kenntnis genommen. Bestenfalls wird sachlich darüber diskutiert. Dann gibt es da noch die andere „Fraktion“, die beleidigt, ausfallend wird und rumpöbelt. Sogar mit denen wird erst noch diskutiert, es macht ja zugegeben auch ein bisschen Spass, weil sie auf jede noch so kleine Provokation anspringen wie auf Knopfdruck. Sowas kommt aber fast ausnahmslos von Fakeprofilen, hinter denen sich versteckt wird. Man erkennt sie sofort. Und auch das ist ein Grund für die Achtung, die dem Kapitän entgegengebracht wird: er zeigt nicht nur klare Kante sondern auch sein Gesicht. Er steht zu dem was er sagt. Wenn also die ach so aufrecht-deutsche Abteilung doch so überzeugt von dem ist, was sie von sich gibt, warum versteckt sie sich dann? Es kann ja nicht daran liegen, daß sie Angst davor hätten, gefunden zu werden, sie sagen doch nur ihre Meinung. Was sie ja dürfen, wir haben schliesslich Meinungsfreiheit. Ja, haben wir. Leider ist der Ton inzwischen sehr viel rauher auf der Seite geworden. Es gab offene Gewalt- und Morddrohungen, nicht nur gegen den Kapitän persönlich sondern auch gegen einzelne Nutzer der Seite. „Schwandtianer werden alle vom Volksgerichtshof abgeurteilt und erschossen“ war noch eine der netteren Versionen. Natürlich hat der Kapitän die Notbremse reingehauen und schmeißt solche Leute jetzt rigoros raus. Was diese jetzt hernehmen, um sich in ihre Lieblingsrolle zu begeben: das arme Opfer. Der Kapitän fordert Respekt aber respektiert uns nicht. Das man sich nicht alles bieten lassen muß, verstehen diese Menschen nicht.
Es erfordert Mut, sich offen gegen Gewalt zu stellen, auch gegenüber Drohungen nicht einzuknicken und jeden Tag einfach weiter zu machen und keine Angst zu zeigen. Manchmal frage ich mich, ob der Kapitän nicht doch manchmal Angst hat und sie nur runterschluckt, weil wieder jemand auf seine Seite geschrieben hat: Käpt´n, wir brauchen Sie.

Diese Haltung ist es, die Achtung und Respekt verdient.

Quelle: Facebookseite Kapitän Schwandt, bearbeitet

Quelle: Facebookseite Kapitän Schwandt, bearbeitet

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