Alles empathieloses Pack oder: Euer Betroffenheits-Gedöns kotzt mich an!

Früher gab es Nachrichten. Einmal am Abend, die Tagesschau. Und dann gab es noch die Tageszeitungen. Man bekam Meldungen über ein Attentat irgendwo auf der Welt oder eine Entführung. Eigentlich sehr viele Entführungen, in den 70ern, manche gingen gut aus, manche nicht. Man dachte wahrscheinlich, oh, das ist schlimm, natürlich, aber irgendwie auch weit weg.

Heute ist das anders. Dank Social Media, Twitter und Facebook, ist man quasi live dabei. Vor allem Twitter. Das ist einerseits großartig, weil man quasi in Echtzeit erlebt, was passiert, sich Helfer via Hashtags in Sekunden vernetzen und dadurch eine unglaubliche Effizienz erreichen können. Andererseits kann genau das auch unglaublich belastend sein und ist es auch. Also, nicht die Hilfsangebote selbstverständlich, sondern das Live-Dabeisein. Beispiel? Als während der Attentate in Paris aus dem Club die Hilferufe getwittert wurden: „Oh Gott, die erschiessen uns! Schickt die Polizei hier rein!“

Du sitzt zu Hause an Deinem Rechner und bist machtlos. Ohnmächtig. Total hilflos. Du wirst mit Emotionen überflutet, sehr massiv und absolut nicht schön. Kaum einer wird sich schulterzuckend abwenden. Und genau darum wird es jetzt gehen: Emotionen. Meine. So ganz langsam bekomme ich nämlich „einen Hals“, wie man so schön sagt. Auslöser war ein Tweet zum letzten Bombenanschlag auf einem Spielplatz in Lahore. Da schrieb jemand sinngemäß, es würde ja kaum jemand hier reagieren, weil Lahore ist ja weit weg und nicht Brüssel (Brüssel war einen Tag vorher.).Woraufhin ich schrieb, vielleicht sind die Menschen langsam einfach emotional überfordert und natürlich prompt von der Seite angemault wurde:“Würdest Du das auch sagen, wenn es morgen vor unserer Tür passiert?!“

Ja, verdammt nochmal, würde ich! Trauer, echte Betroffenheit, sind Gefühle, die auf Dauer ANSTRENGEND sind. Wenn sie tatsächlich empfunden werden und nicht nur durch das wechseln der Landesfarben auf dem Avatar ausgedrückt werden. So langsam habe ich das Gefühl, wir befinden uns in einem Betroffenheits-Wettbewerb: Guck mal, ich trauere schneller (und damit besser!) als DU!

Am besten, wir basteln uns so einen Random-Wechsler der häufigsten Terroropfer-Landesfarben und lassen den algorhythmisch laufen, passt dann schon, irgendwie. Ja habt ihr sie noch alle?

Ich soll bitte

  • die Medien kritisch hinterfragen
  • TTIP und Ceta Scheiße finden
  • gegen Monsanto protestieren
  • die GEZ boykottieren
  • die AfD bekämpfen
  • gegen Rassismus argumentieren
  • mich ökobiologisch, makro-vegan, regengewässert ernähren
  • und Fleisch ist sowieso DAS Böse schlechthin.

Mache ich ja alles, aber darf ich bitte zwischendurch auch noch Mensch sein? Essen was ich will? Schlafen? Ein Leben haben? Ja? Danke! Unsere Ansichten sind doch schon längst nicht mehr wirklich unsere eigenen, jedenfalls nicht alle. Wir können uns doch unsere täglichen Aufreger inzwischen aussuchen wie einen Pullover aus dem Schrank, wogegen sind wir denn heute?! Also nehme ich mir, verdammt nochmal, das Recht heraus, wenigstens zu entscheiden, zu welcher Katastrophe des Tages ich evtl. was sage und zu welcher nicht und diesen öffentlichen Betroffenheits-Scheiß nicht mehr mitzumachen. Wenn ihr nämlich ehrlich wärt, würdet ihr zugeben, daß man gar nicht WIRKLICH um jedes Opfer trauern KANN. Ihr hättet nämlich keine Kraft mehr für euer eigenes Leben, also hört mit der Heuchelei einfach auf.

Dieser Post wird mich vermutlich einige Follower kosten, ich konnte noch nie gut die Schnauze halten. Aber wie sagte meine Oma schon immer: Reisende soll man nicht aufhalten.

4 Antworten auf “Alles empathieloses Pack oder: Euer Betroffenheits-Gedöns kotzt mich an!”

  1. Besonders die letzten Zeilen im vorletzten Absatz sind sooooooo treffend….

    „…Wenn ihr nämlich ehrlich wärt, würdet ihr zugeben, daß man gar nicht WIRKLICH um jedes Opfer trauern KANN. Ihr hättet nämlich keine Kraft mehr für euer eigenes Leben, also hört mit der Heuchelei einfach auf.“

    Ich WILL auch nicht mehr ANDAUERND mit allen Bildern, Lebenshintergründen, Träumen und Hoffnungen der Opfer „zugebombt“ werden. Die Bilder der Opfer und der kaputten Gebäude werden einem sowas von aufgedrängt; würde uns im Supermarkt das neue Waschmittel so angedingt werden würden wir uns heftigst beschweren!

    Reicht es nicht aus zu WISSEN, das und was passiert ist? MUSS man gezwungenermassen auch noch die Bilder dazu in brechreizauslösender Dosis eingebrannt bekommen? Ich meine: „Nein!“

    Und wenn ich, wie schon geschehen, in einem Forum diese Meinung vertrete und zur Antwort bekomme „Wenn Du vor den Tatsachen die Augen verschliessen willst – dann guck doch Disney-Kanal wenn Dir das zuviel ist! :-(“ Dann gibts von mir auch nur eine Antwort: „Das mache ich auch. Denn DAS will ich sehen. Katastrophenbilder NICHT!“

    Mich jedenfalls machen diese Bilder und Berichte KRANK (seelisch) – und Dinge, die einen krank machen muss man meiden. Punkt.

    1. hallo rolf,

      ich gebe dir durchaus recht was die bilder angeht. die bilder von 9/11 verfolgten mich wochenlang, als mir bewußt wurde, daß diese kleinen pünktchen da wirklich menschen waren, die in panik aus dem 80ten stock aus dem fenster sprangen. sowas muß ich einmal sehen, vielleicht zweimal, um es zu kapieren – aber nicht 30 oder 50 mal. das wissen ist schlimm genug. ich glaube schon, daß es manchmal bilder braucht, um den menschen klar zu machen „hallo, das passiert das draussen gerade wirklich“, aber nicht in dieser „brechreizüberflutenden dosis“. und wobei ich dir absolut recht gebe ist, daß jeder mensch die eigenverantwortung für sich selbst hat, zu sagen, wann es für ihn ganz persönlich genug ist. ohne das andere ihn deswegen als „gefühlloses monster“ hinstellen dürfen!

      LG

  2. Du schreibst mir aus dem Herzen, Regina!
    Betroffenheit ist zum „Wettbewerb“ geworden und kurbelt die Teelicht-Industrie und das Floristenhandwerk zusätzlich an. „Schaut mal… an diesem Betroffenheitsort stehen viiiiiel mehr Kerzen als bei Eurem…“
    Und es entsteht diesbezüglich ein „SN- und Foren-Gruppendruck“, dem ich nicht nachgebe.
    Besonders schlimm empfinde ich das Zurschautragen dieser Emotionen.

    Ich lese Deine Beiträge jedenfalls weiter (und kommentiere sie viel zu selten… gelobe Besserung)

    1. hallo pepecyb,
      vielen dank für deinen Kommentar. es dauert ja durchaus eine weile, bis mir mal der kragen platzt, aber so manchmal…. schön, daß du auch „nicht-dampfer-themen“ hier liest, auch wenn ich manchmal ja nur so vor mich hinschreibe. ich werde darauf gucken, ob dein besserungsgelöbnis auch eintrifft, ne? ^^ LG, Regina

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