Dieser Artikel wird sehr oft das Wort „eigentlich“ beinhalten. Das ist mir schon beim allerersten Satz klar. Trotzdem werde ich das hier weiter schreiben, auch wenn es keine tiefschürfende Analyse wird und vermutlich keine flammende Rede für die Freiheit der westlichen Welt und gegen den IS. Dazu bin ich inzwischen zu müde. Und damit meine ich jetzt nicht die übliche Müdigkeit nach einer durchfeierten Nacht sondern die Müdigkeit, die sich nach Windmühlenkämpfen einstellt.

Eigentlich hatte ich am Freitag Abend alle Sozialen Netzwerke runtergedreht, ich wollte mir was leckeres kochen und dann gemütlich Doktor Who auf BBC gucken. Das habe ich auch gemacht, nicht ahnend, daß das die letzte ruhige Handlung des Abends war. Kurz vor Mitternacht schaute ich dann doch noch auf Twitter vorbei. War momentan verwirrt. Erstarrte. #ParisAttacks . Nicht viele wußten was, nur, daß es schlimm war. Sehr schlimm. Und mein bester Freund feierte am Freitag seinen Geburtstag – in Paris! Zwar im Disneyland, aber soweit ich wußte, wollte er auch nach Paris direkt, ich wußte nur nicht mehr, wann. Telefon geschnappt, angerufen, keinen erreicht. Zwischendurch die großartigen, wunderbaren Hilfsangebote der Pariser Bevölkerung retweetet, die sichere Plätze und Unterkunft anboten, für all die Menschen, die verängstigt durch die Strassen liefen. Und wo es vollkommen egal war, ob diese Menschen Franzosen, Deutsche oder getarnte Aliens waren. Auch die Pariser Taxifahrer, die sich spontan zusammenfanden, um Verletzte umsonst in Krankenhäuser zu fahren, oder an sichere Plätze. Chapeau! Um Viertel vor drei meldete sich der beste Freund wohlbehalten, ihm ging es gut. Mir fiel ein Fels vom Herzen und ich fiel ins Bett.

Am Samstag dann erste Erkenntnisse. Und das nicht nur über Paris. Zwischen den Sozialen Netzwerken gibt es ja seit langem eine offene Rivalität, speziell zwischen zweien: „Die Intelligenz ist auf Twitter. Der Rest ist auf Facebook.“ Heisst es da. Und gerade bei solchen Katastrophen bestätigt sich das immer wieder. Klar, auch auf Twitter wird mal ein Gerücht oder ne Ente verbreitet, aber doch bei weitem weniger. Auf Facebook wird man mit rechtslastigem Nazidreck von Besorgtbürgern geradezu erschlagen. Hohl, dumm, unreflektiert. Eigentlich müßte ich dort eine Person wirklich entfreunden. Fällt mir aber schwer, weil sie grundsätzlich nett ist. Einerseits teilt sie einen fremdenfeindlichen Post (der als solcher jetzt nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, zugegeben), wonach ich die Person schütteln möchte und sie anschreien, ob sie nicht merkt, auf was für ein Gewäsch sie reinfällt! Drei Posts weiter teilt sie das Bild einer Kerze für ein totes Flüchtlingskind. Ähm… was mach ich mit sowas? Ist das wirklich so unreflektiert, wie es rüberkommt?
Ich bin es müde, mich für mein „Gutmenschentum“ zu rechtfertigen. Ich bin es müde, die ewig gleichen Diskussionen mit Unbelehrbaren zu führen, daß, bei Allah, nicht jeder Muslim ein fanatischer Attentäter ist. Ich bin es soooo müde, immer und immer wieder zu erklären, warum unter den Flüchtlingen so viele junge Männer sind. Das die nicht eine monate- und jahrelange Flucht auf sich nehmen, um hier stramme deutsche BDM-Mädel zu vergewaltigen, die sich ja aus lauter Angst sowieso nicht auf die Strasse trauen, die Armen…. Ich bin unserer Politker aller Facetten müde, die jetzt noch lauter nach Grenzen mit Stacheldraht rufen, die Totalüberwachung fordern, Vorratsdatenspeicherung und was weiß ich noch alles. Hat auch in Frankreich nicht viel geholfen. Ich bin es müde, mir Angst machen zu lassen.
Eigentlich sollte man aus Facebook aussteigen. Mach ich jetzt auch, eine zehntägige Pause. Ich kann den ganzen Hass da nicht mehr ertragen, wenn der Rest der Welt um die Opfer eben dieses ungebremsten Hasses trauern. Vielleicht habe ich danach wieder Kraft, mich den ewig gleichen, fremdenfeindlichen Diskussionen zu stellen und zu hoffe, wenigstens EINEN dazu zu bringen, mal für fünf Minuten nachzudenken.

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