Den ganzen Tag über war es brütend heiß. Ich bin immer wieder eingeschlafen, für Stunden. Die Hitze macht mich fertig, ich liege völlig komatös wie ein Tier da, das den Tag verschläft, kaum fähig, die Augen zu öffnen.
Jetzt ist es tiefste Nacht. Ich habe jedes Fenster in der Wohnung geöffnet und atme, spüre, die Kühle auf der Haut. Ich bin hellwach. Auch einige andere sind wach, ich kann sie fühlen, da draussen. Es bewegt sich nichts, kein Vogel schlägt, kein Blatt raschelt, eine Welt wie aus Glas. Ich stelle mich ans Fenster und sehe hinaus wie in eine Schneekugel ohne Schnee. Das ganze Dorf duftet nach Stall und schlafenden Tieren und ich bin wach und allein. Nicht einsam, nur allein und verträumt, Eins mit mir und der Welt der stillen Nacht da draussen.
Das erste Mal seit Wochen wird mir richtig bewußt, ich bin allein hier. Das Radio spielt leise was jazziges, sowas cooles mit Klarinette. Ich liege quer auf dem Bett und lasse das alles wirken. In mir breitet sich ein großes Wohlbehagen aus, ich nehme meinen Raum ein, ungestört und ungehemmt durch jegliche Fremdkörper. Nichts ist hier, was mich stresst, ich erlebe den Luxus, vollkommen in Frieden mit mir zu sein. Im Nebenzimmer rascheln meine Tiere munter im Heu, die werden jetzt auch langsam wach. Vertraute Geräusche, vertraute Gegenstände, ganz einfach Ich. Meine Gedanken gehen auf Wanderschaft, schweifen hin und her. Das letzte Jahr ist weg, einfach aus mir herausgelaufen. Die Trauer ist weg und die Wut auch. Und ich war sehr wütend. Vielleicht klopft sie nochmal an, sie war schon sehr groß. Aber jetzt gerade ist sie weg und das ist angenehm. Ich fühle mich friedlich und geborgen in meinem kleinen Nest aus Kissen, Briefen, Büchern und leiser Musik, das Weltgeschehen bleibt momentan auch draussen, das steht ja morgen wieder in diesem Internet… Meine Welt ist heute Nacht entspannt, friedlich und ich bin glücklich. Alles ist gut, so, wie es ist. Und jetzt stehe ich auf und mach Yoga. Um 5 Uhr früh. Weil ich es kann!

ryu

Advertisements