Eine markige Headline, zugegeben. Worum geht es? Ums Internet, zeitfressenden Shoppingwahnsinn, ständige Handy-Erreichbarkeit, Massen-Medien-Überflutung usw. @Heidizeugs schmiß das gestern in die Twittertimeline und fragte „was würdest Du machen, wenn es das alles nicht gäbe?“

Gute Frage. Und ich möchte gleich mal voranstellen, ich verbreite hier nur meine persönliche Ansicht. Für jemand anderen mag das ganz anders aussehen. Ich denke, es geht hier auch nicht nur um die Frage, wenn es das Internet nicht gäbe, denn, was man nicht kennt, vermisst man auch nicht. Es geht darum, was wäre, wenn man es mir wegnähme, wenn ich auf einmal nicht mehr alles das tun könnte, was ich jetzt damit mache.

Es gibt auch heutzutage noch Menschen ohne Internet, ich kenne welche. Und die haben es schwer. Einfach weil so viele Dinge heute nur noch übers Internet möglich sind. Es gibt Firmen, die ihr gesamtes Bewerbungsprocedere nur noch online durchlaufen lassen, von der Bewerbung bis zum Einstellungstest. Keine Chance für Menschen ohne Internet, sie sind schon deswegen im Hintertreffen, weil ihnen der Zugang zu einer Menge Informationen fehlt.
Ich brauchte ein neues Mobiltelefon. Mein altes war 4 Jahre alt, wurde immer leiser und der Akku schwächelte heftig. Es war ein ziemlich schwieriges Unterfangen, NUR ein Telefon zu bekommen, denn ich benötige kein Smartphone. Das ist etwas, das ich tatsächlich nicht brauche. Wenn ich unterwegs bin, laufe ich nicht permanent mit der Nase auf dem Display herum, checke alle 2 Minuten meine Mails oder lese bei Twitter, daß XY gerade duschen geht oder ein Käsebrot ißt. Und meine Hände zittern nicht deswegen! Beim Festnetz kann man den Stecker ziehen, wenn man seine Ruhe haben möchte – das Mobilphone kann man lautlos stellen oder ausschalten.
Shoppingwahnsinn? Also ich weiß jetzt nicht, wo der Unterschied dazu ist, sich mit einem Stapel Kataloge hinzusetzen und dort einen Haufen zu bestellen oder es im Internet zu tun? Wichtig ist doch wohl in beiden Fällen, ich kann nicht mehr ausgeben, als ich habe. Wenn der „Klickfinger“ schneller als der Verstand ist, hat man das Problem vermutlich auch offline. Und ohne das Internet hätte ich zum Beispiel nicht so einfach mein günstiges Zimmer in London gefunden, einfach, weil mir der Zugang zu dieser Information gefehlt hätte. Und das es mich etwa unzufrieden macht, mir all die Dinge anzusehen, die ich mir nicht leisten kann, kann ich auch nicht behaupten. Denn dann müßte ich mit geschlossenen Augen durch die Innenstadt laufen. Es wird immer etwas geben, was mir gefällt, aber ein Traum bleiben wird – online wie offline.
Es macht mir ganz einfach spass, auf Twitter Blödsinn zu machen oder Fotos von meinen Flauschis zu posten. Ist das lebensnotwendig? Nö. Aber es freut mich, wenn einer „oohh, wie süüüüß!“ zurückschreibt. Es ist mir nicht wichtig, ob mir 80 oder 800 Leute folgen, die überwiegende Zahl kenne ich persönlich, habe sie zumindest schon einmal gesehen. Und der Begriff „Freund“ ändert sich auch im Internetzeitalter. Die Grenzen zwischen RL-Freunden und Online-Freunden verwischen zusehends. Durch meinen Umzug sind die meisten meiner RL-Freunde mal eben um 350 Kilometer weggerückt. Ohne Internet hätte ich wesentlich weniger Kontakt zu ihnen und das würde ich sehr bedauern. Klar könnte ich Briefe schreiben, das würde ich sicher auch tun – aber dank des Internets kann ich sie sogar sehen, wenn ich mit ihnen spreche. Das ist toll!

Wenn jemand meint, er müsse sehen, ob er 6 Monate offline überleben kann, weil das ja alles ach so überflüssig ist, bittesehr. Das sind für mich Luxusproblemchen. Ich persönlich möchte nicht mehr leben wie auf „unserer kleinen Farm“. Das Internet hat, wie alles andere auch, Vor- und Nachteiile, unbestritten. Aber jeder weiß, wo dr Knopf zum Abschalten ist, oder?

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